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AKTIONISMUS MALEREI

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ELECTRIC PAINTING COLLAGE

otto muehl

es war kein zufall, dass ich electric painting entdeckte.

1952 hatte ich die lehramtsprüfung aus deutsch und geschichte  an der universität wien abgeschlossen.

ich begann das studium auf der akademie der bildenden künste.

da mir die professoren der akademie wenig zu bieten hatten, verlegte ich das studium der malerei und des zeichnens in die bibliothek der akademie.

der lehrbeauftragte heimo kuchling hielt vorlesungen über morphologie: das kunstwerk ist eine bewusste leistung und kein zufallsprodukt. ich war begeistert.

bis dahin glaubte ich, dass man auf seine eigene genialität hoffen könnte und dass es genügte, einfach dahin zu malen und darzustellen, was man spürt. kuchling, der sich theoretisch mit dem studium des kubismus befasste, machte sich dadurch alle professoren zum feind.

sie riefen empört aus: "kubismus! das ist ja schon lang vorbei."

bei einer internen akademie abschlußausstellung der meisterklassen zeigte ich flächige bilder mit konkaven und konvexen umrissen. professor böckl rief empört: "das ist ja wie oetker´s backpulverreklame!" und die professoren rieten meiner lehrerin matejka felden, mich aus der akademie herauszuschmeißen.

mein erstes vorbild war van gogh. ich übte die farbigkeit der komplementär-kontraste, die schwarze kontur-begrenzung der figur.

nach van gogh entdeckte ich gauguin. ich begeisterte mich für seine flächigkeit, auch er benützte die kontur zur abgrenzung von ihrer umwelt. die akademieprofessoren waren abermals gegen mich und sagten folgendes: "hören sie auf mit der blödsinnigen 'einrandelung', die linie existiert nicht in der wirklichkeit". ich machte trotzdem weiter.

ich griff dann in die vergangenheit und kam zum cezanne, dem  "vater" der modernen kunst. er reduziert den fleck zu fleckelementen, mit denen er objekte voneinander begrenzt zu kleinen strichelementen. seine figuren und objekte waren durchlässig für die unbenützte grundfläche.

den taschismus, der damals an bedeutung gewann, verabscheute ich, als formlos. das war die beschränkung von kuchling, die er seinen schülern vererbte.

actionpainting wurde später die leiter, die mich lebendig machte.

ich rekapitulierte die malerei der gegenwart: kubismus, picasso, juan gris, mondrian, malewitsch, marcel duchamp, die russischen konstruktivisten, dadaismus, surrealismus.

ich setzte mich bildgestaltend mit diesen verschiedenen richtungen der kunst auseinander. es war ein mehr oder weniger oberflächlicher spaziergang durch die kunstgeschichte der neuzeit, den ich bis 1960 mehrmals wiederholte.


1970 begann ich mit dem wirklichkeitsaktionismus [1].

ich gründete die kommune friedrichshof, die sehr erfolgreich war, bis 1980 auf 700 leute anwuchs.

die aktionistische kunst wurde als persönlichkeitsentwicklung eingesetzt.

der aktionismus wurde multimedial: musik, tanz, gesang, therapie, trance-exercises. die geburtstage einzelner wurden multimediale, phantastische aktionistische festereignisse- auch das studium der malerei existierte noch als vorübung für den aktionismus. leider hatten diese großartigen ereignisse auf die mitglieder, die immer begeistert waren, keine langzeitwirkung.

nach 20 jahren kommune kehrten sie wieder in die kleinfamilie zurück.

ich verließ österreich mit 12 erwachsenen (5 männer, 7 frauen) und 9 kindern. ich gründete in der algarve die neue gruppe ARTLIFE. die ARTLIFE kommune existiert nun 9 jahre.

wir lehnen alle größeren komplexen einheiten ab, denn letztlich führt jeder größerer zusammenschluß zur unterdrückung des individuums.

wir sind zwar bereit, ARTLIFE kommunen zu beraten und zu unterstützen, aber nicht zu beherrschen.

die wurzel der gestaltung ist die sexualität.

in der neuen kommune wird der aktionismus zur pädagogik.

der künstler des 21 jahrhunderts ist lebensgestalter.

er gestaltet menschen in der "famille élargie", der erweiterten familie.


durch die collage kam ich zu electric painting.

ich kopierte in den 80er jahren van gogh, malte seine bilder in originalgröße, in einem freieren stil und merkte dabei, was mir vorher nicht aufgefallen war, daß van gogh sehr pitzelig und steif malte. ich ging etwas lockerer und wilder mit dem kornfeld um, aber immerhin blieb es van gogh. nachdem die kopie, die ich in öl malte, fertig war, legte ich das kukucksei hinein, zb van gogh liebt am rande eines kornfeldes eine ziege, oder ich stellte ihn dar, wie er im bild mit den raben sich eine kugel in den bauch schießt, oder ich bevölkerte sein einsames schlafzimmer mit leckeren weibern.


1996 arbeitete ich an einer collage-box 32 x 24 cm: "romeo y julieta". es ist eine vergrößerte, original nachgebildete " romeo y julieta" zigarrenkiste, sodaß man anfänglich glaubt, es wären luxuszigarren, wie sie nur fidel castro raucht. auf dem deckel der kiste sind romeo und julieta in einer lasziven umarmung dargestellt, während der deckel des originals romeo am fenster zeigt.

das erste blatt ist eine textcollage, gefolgt von 7 gedruckten, gemalten collagen auf karton: 2 mal van gogh, 1 mal cezanne, 2 mal gauguin, 1 mal magritte und dazu das verfremdete romeo y julieta - thema des deckblattes.

in der textcollage stellte ich werbesprüche zu einem brief an eine freundin zusammen.

TEXTCOLLAGE:

"niemand wird dich für kleinkariert halten, süße violaine. es soll ja schließlich auch spaß machen. herausfordernd, lässig, topaktuell wie du bist, bekennst du dich zur freizeitfarbe. dem blauen, grauen alltag weichst du buntgestreift aus. am golfplatz trägst du blousons, die nichts ungesagt lassen. eine dame im nadelstreif verwandelt sich in einen toten vogel. seidenweich spannt sich dein lederdress, ein morbider eyecatcher, auf der nackten haut. es wäre ohnedies viel zu schade, wenn du das, was darunter zum vorschein käme, verstecken würdest. wirklich begreifen kann man deine pracht erst, wenn man dich anfaßt, von zeitloser schönheit bist du und von erschreckender laszivität, mein liebling. die neuen missonistrümpfe, mit dem unnachahmlichen muster, rot-schwarz gestreift, sollen spaß machen, dir und sozialerweise auch deinem gegenüber...."

nach 2000 beschäftigte ich mich mit  fotos von aktionen. ich malte in die fotos hinein, bearbeitete mit konkaven kurven den kopf und verfremdete den ausdruck. zu den fotos erfand ich einen text, der das ganze zu einer fotogeschichte machte.


2001 verweigerte mir meine privatversicherung dkv in luxembourg eine implantage. sie meinte, ein normaler zahnersatz wäre ohnehin besser, so bekam ich oben und unten ein normales "pensionistengebiss", das ich zum zähneputzen immer herausnehmen mußte.

ich bin dankbar für diese kluge entscheidung der dkv, denn dieses pensionistengebiss entwickelte sich geradezu zu einem kreativen faszinosum.

ich ließ es mir hier in der algarve in almancil, durch dr. dootz, einen deutschen zahnarzt, anfertigen. dieses gebiss eignet sich ausgezeichnet für die darstellung, wenn man es vorschiebt oder verkehrt in den mund einsetzt. ich kann mein gesicht durch entsprechende grimassen in ein vollidioten gesicht verwandeln. ich werde zu einem naiven pensionistentrottel, zu einem bösartigen, skurilen gespenst, oder zu einem frankenstein, zu einem fürchterlichen mister hyde, zu einem naiven, gewalttätigen affen, gleich king kong, aber auch zu einem biederen typen, zu einem geisteskranken künstler. ebenso gibt es die möglichkeiten der verwandlung in einen verblödeten kristallsammler, einen biederen ehegatten oder in einen, der sich für einen genialen künstler hält. alles ist möglich.

dr. dootz und der DKV verdanke ich, daß ich nach 30 jahren pause zur direkten aktion gekommen bin.

früher machte ich fotoaktionen als film. es ging um die einzelnen fotos.

heute mache ich fotographierte filme. das heißt, es geht nicht nur wie früher um die einzelnen fotos, sondern ein film wird aus aneinandergereihten fotos zusammengefügt.

der computer hat mich zu einer neuen kunstform angeregt: den fotofilm, das fotogeschehen.

es ist nicht wie beim normalen film, wo jede bewegung zählt, sondern es steht foto für foto, kader für kader. jedes foto ist gestellt und durchgearbeitet, überprüft. es gibt nicht die verwischten bilder, die die geschwindigkeit der bewegung darstellen sollen. die bewegung entsteht, indem ein objekt hintereinander an verschiedenen orten erscheint.

durch die geschwindigkeit des abspielens des filmes kann die bewegung gesteigert oder gedrosselt werden.

die bewegung wird beim klavierspielen erzeugt, indem ich die hand einmal über den tasten, dann auf den tasten liegend fotographiere.


im frühjahr 2002 entstand der film "can any one explain" mit violaine. wir begannen ohne vorbereitung, jacques war mit der digitalkamera dabei.

die aktion war vollkommen improvisiert. dieser film und alle folgenden wurden mit einzelfotos gemacht.

jede einzelne darstellung prüften wir vor dem spiegel.

der nächste film war bereits ein electric painting film: im computer wurden die einzelfotos zeichnerisch und farbig, formal und thematisch, weiter entwickelt.

der "mondrian boogie-woogie" ist eine electric-painting-collage mit von mir spontan am klavier komponiertem, gespieltem, gesungenem blues, dem "häßlichkeitsblues" aus den 80er jahren. der erste satz lautet "es sind so viele menschen häßlich, daß man sie gar nicht anschauen mag...." dazu erscheinen die wunderbaren flächengliedernden bilder von besonderer klarheit und schönheit, die zwar frei erfunden, aber von mondrian sein könnten. es sind äußerst saubere bilder, mit dem computer-lineal gezeichnet. die starke farbigkeit, einfachheit und eleganz zu beginn der collage lockert sich allmählich auf, langsam wird es häßlich: deformationen, im computer in die breite gezogene und gedrückte menschen werden farbig, formal und inhaltlich durch electric-painting weiterentwickelt. es ist schwer den inhalt der bilder zu beschreiben.

ELECTRIC - PAINTING - COLLAGE IST PROZESS­GESTALTUNG

der sprengstoff der collage ergibt sich aus der begegnung zweier oder mehrerer unvereinbarer wirklichkeiten.

die collage ist das kritische weltbild, das die skandalösen gegensätze in der welt der menschlichen gesellschaft aufzeigt. 

die collage ist das kuckucksei im fremden nest.

die collage ist zugezeichnete, dh zugefügte provokation.

electric-painting-collage bringt das geschwür zum platzen.

electric-painting-collage ist der zeigefinger auf der wunde.

wenn sich terroristen in die luft sprengen zum himmlischen sexualvergnügen, ist das keine collage, sondern schlechte kunst.

das licht tanzt nicht farbig, es tanzt im wirbel unterschiedlicher wellenlängen.

die netzhaut verwandelt bewegung des lichtes in farbe.

dort, wo das auge aufhört, läßt das ohr statt farbe musik erklingen.

das auge macht die farben,

das ohr die töne,

die nase die gerüche,

der mund lässt es sich schmecken.

was nicht sichtbar, hörbar, riechbar ist, wird ertastet.

im feuer des electro-painting teilt sich der urknall mit.

die electric-painting-collage-aktion macht den urknall sichtbar, hörbar, riechbar, ertastbar.

das electro-painting-paradies kommt aus der steckdose.

das licht ist signal, gruß und geschenk.

der electric-painter fühlt sich als vergötterter star-player, 

sterntänzer, magnetic-swinger, star-writer, first creator und so weiter.


der computer leistet sklavendienste als rechenmaschine, er wird zum polizisten im lauschangriff auf renitente staatsbürger, zum menschenfeind im gerichtlichen einsatz.

electric-painting zeigt ihn als multi-medialen creator.


objekte, auf einem kunstsockel präsentiert, stehen "unter strom".

museumsbesucher berührt schlafenden museumswächter.

frage an den wächter, der langsam die augen öffnet: "kunst oder wirklich?"

wächter: "kunst und wirklich!"

museumsbesucher: "direct art?"

wächter: "yes, yes!"


museumsbesucher berührt mit dem zeigefinger das große glas:

heißes gefühl, haare stehen zu berge, knistern im elmsfeuer.

duchamp lässt grüssen.

 

electric-painting malerei unterscheidet sich von der normalen malerei: es geht nicht um das endprodukt bild, sondern um den prozeß der entstehung. dies ist nur durch die zwischenspeicherung der einzelnen phasen und entwicklungsstufen der gestaltung möglich.

während in der malerei auf leinwand der vorige bildzustand durch die weiterarbeit zugedeckt und gelöscht wird, bleiben durch die speicherung die einzelnen stufen des  gestaltungsprozeßes erhalten. von jeder einzelstufe kann eine neue entwicklung weitergeführt werden.

electric-painting ist extreme lichtmalerei.

die impressionisten konnten davon nur träumen.

die farbe geht nie aus. der pinsel ist immer sauber.

zum ausgleich aber brauche ich trotzdem den gestank der echten malerei, das wühlen im irdischen schlamm.

durch electric painting wird man leicht nervös, man atmet die dünne luft, aber man kann unbekümmert hineinschlagen.

ein handgriff und alles ist verschwunden.

ein zweiter handgriff, das bild ist wieder da.

electric painting zeichnet sich auch dadurch aus, es ist ein theaterstück mit bildern. aus einem bild breitet sich eine ganze bilderwelt aus.

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© archives otto muehl