die suche nach einer gesellschaftlichen organisation, ohne polizei, justiz und strafanstalten, ergibt sich aus meiner entwicklung als künstler.
jeder fortschrittlicher pädagoge weiß, dass strafen, selbst lebenslängliches einsperren und hinrichten von sogenannten verbrechern, die ein gewaltätiges system sich selbst produziert, nichts bringt. niemand wird als verbrecher geboren.
eine gesellschaft ohne zwang kann nicht mit unmündigen, durch dressur verunstalteten kreaturen realisiert werden.
jeder mensch ist für jeden menschen verantwortlich, das wäre unsere kulturelle aufgabe. wenn in afrika zu viele kinder geboren werden, wenn sich aids ausbreitet, sind das auch unsere probleme.
der staat ist eine antiquierte organisationsform der gewalt, ein blutsauger, ein monströses ungeheuer, ein massenmörder. "leichen pflastern seinen weg", die blutspur durch seine tausend jährige geschichte bis herauf zu den massakern der letzen weltkriege und dem holokaust zeigen ihn als massenmörderischen apparat, in den händen ergeiziger politiker. das monster formt die menschen "nach seinem bilde". es kann nicht durch gewalt beseitigt werden, auch nicht durch denken, das monster denkt mit, es hat uns das hirn vernebelt, uns zu seinen marionetten entselbstet. egal ob du lehrer, bahnhofsvorstand, richter, künstler, philosoph, pfarrer, politiker, tänzer oder sonst etwas bist, das monster tanzt mit. du bist von "kindesbeinen an" manipuliert.
ob du willst oder nicht, du kannst dich besaufen, auslöschen durch drogen, du entkommst den fängen des apparates nicht.
man kann das monster aushungern und ihm durch gegenprogramme, antigewalt–modelle als wirklichkeitslaboratorien "direkter kunst" die blutzufuhr sperren.
hätte paul cezanne sein leben mit der gleichen intensität wie seine bildfläche gestalten können, wäre nicht nur die bildfläche sondern auch sein leben ein meisterwerk geworden.
picasso deformierte auf der bildfläche das menschenantlitz. die widertäufer zerschlugen heiligen skulpturen die nasen und hackten die augen aus.
ich zerstörte nicht nur die figur, sondern durchschlug den spiegel und erreichte das wunderland der gerümpelskulptur.
– durch destruktion des tafelbildes kam ich zur gerümpelskulptur.
– durch gebrauch der nahrungsmittel als material und den menschlichen körper als zu gestaltendes objekt, entwickelte sich die gerümpelskulptur zur materialaktion. der gestaltungsprozeß ist die in der bilderabfolge sichtbar gewordene auseinandersetzung zwischen material und objekt.
– direkte kunst (direct art): das leben des menschen und nicht nur der körper wird zum mittelpunkt der gestaltung. er wird nicht mit materialien bearbeitet sondern ist der wirklichkeit ausgesetzt.
direkte kunst ist die gestaltung der lebenspraxis des menschen.
direkte kunst errichtet gesellschaftliche biotope zur erforschung des zusammenlebens kreativer menschen.
ein bild ist nicht glücklich, es ist geglückt. der geglückte mensch ist glücklich. der unglücklich aufwachsende ist verunglückt.
alle bereiche des menschlichen seins schreien nach künstlern, die die kulturelle, pädagogische, wirschafltiche, politische selbstverwaltung des menschen in gang setzten.
direkte kunst ist aktionistische lebenspraxis, in einem familiengruppenlabor mit begrenzter anzahl der beteiligten, etwa 20 erwachsene in möglichst ausgeglichenem verhältnis der geschlechter, mit ihren kindern.
künstler, die im 21. jh noch ernst genommen werden wollen, werden nicht umhinkommen, den sprung von der bildfläche in the reality lab of society creation zu wagen.
die entwicklung eines künstlers wird durch die liebe und zuneigung der mutter, und die frühe förderung seiner kreativität bestimmt.
schon in meiner kindheit spielte das material eine besondere rolle.
ich bin im burgenland in der nähe des neusiedler sees aufgewachsen und erinnere mich, daß im herbst straßen und wege von gols, wo mein vater lehrer war, so tief unter schlamm standen, daß man nur mit stiefeln durchwaten konnte. im krieg erlebte ich intensiv das massaker der ardennenschlacht. diesmal war es nicht nur aufgerissene erde, sondern aufgerissenes fleisch: die entsetzlichen verwundungen der gefallenen.
später lernte ich die psychoanalyse freuds kennen.
freud führt die kunst auf die verwendeten materialien zurück.
er bezeichnete das kindliche spiel mit seinen exkrementen als beginn der kunst. ich füge hinzu – es ist nicht nur der beginn der kunst, es ist gleichzeitig die erste aktionistische geste. genauer gesagt, die aktion mit exkrementen ist der beginn der kunst.
malerei, relief, skulptur sind spätere abkömmlinge des aktionismus.
die vermischung von material und objekt ist der prozess, ist die aktion.
pop art, nouveau realisme und happening weichen der gestalterischen ursituation insofern aus, als sie, angeregt durch duchamps ready–mades, gefundene objekte und alltägliche geschehen als kunst zeigen.
freud und reich lieferten thematisch und methodisch den wichtigsten beitrag für meine kunst.
das prinzip der psychoanalyse: alle assoziationen, alles was einfällt, ohne zensur darzustellen, ist auch ein prinzip des aktionismus. ohne freud hätte ich nicht gewagt die sexuelle thematik darzustellen. penis–, masochisten–, koprofagenaktion.
ich bringe die darstellung der opfer verdrängter sexualität. wird die sexualität zu sehr verboten, ist der natürliche weg verschüttet, sucht sich das wasser andere wege.
der aktionismus wurde in österreich von beamten der justiz und polizei grundlich missverstanden. alle aktionisten mußten mehrmals ins gefängnis.
1970 machte ich einen entscheidenden schritt von der kunst in die realität und gründete eine wohngemeinschaft, die sich aber sehr bald zu einer kommune mit dem neuen lebensstil der erweiterte familiengruppen entwickelte. kinder und kunst standen im mittelpunkt dieses gesellschaftsprojektes, das 20 jahre andauerte und am höhepunkt 700 mitglieder zählte. die mehrzahl kam aus westdeutschland und frankreich, wenige aus norwegen, schweden, einzelne aus holland, england, österreich, dänemark und USA. es war ein gesellschaftsexperiment mit gemeinschaftseigentum, freier sexualität, gemeinsamer kindererziehung, privatschule, unterweisung und ausbildung von kindern und erwachsenen in den darstellenden und bildenden künsten: musik, gesang, tanz, theater, spielfilm, selbstdarstellung, malerei, aktionskunst, arbeit in eigenen firmen und betrieben. diesmal wurde die aktion nicht von mir alleine getragen, sondern von vielen mitspielern: eine kommune aktionistischer lebenspraxis.
aktionistische kunst zeichnet sich dadurch aus, daß es nicht um ein endergebnis geht, sondern alle entwicklungsmöglichkeiten eines konzipierten projekts durchgespielt werden. ich hatte damals die hoffnung, daß auf diese weise ein kunstwerk entstehen könnte, das sich immer wieder evolutionär erneuert und verjüngt. wie sich später zeigte, war dieses projekt von vornherein mit dem ende infiziert. die idee konnte nicht tragen, war nicht belastbar, sich in die zukunft weiter zu entwickeln, im gegenteil: bereits als ich die deutsche ausgabe dieses buches beendet hatte, also schon zu beginn der 80–er jahre, begann eine ermüdung der beteiligten.
widersprüche zwischen gemeinschaftseigentum und privateigentum, zweierbeziehung und freier sexualität, die wir damals nicht lösen konnten, bewirkten die auflösung der gruppe.
die freie sexualität konnte nicht halten, was sich alle erhofft hatten.
die kommunarden konnten sich mit freier sexualität nicht mehr identifizieren.
obwohl zunächst von der möglichkeit der freien sexualität begeistert, waren sie von den problemen, die sich daraus ergaben, überfordert. von eifersuchtsgefühlen gepeinigt, durch ablehnung mancher frauen sich minderwertig fühlend, sehnten sie sich nach dem alten. die freie sexualität wurde als zwang erlebt. immer wieder entstanden im untergrund heimliche zweierbeziehungen.
freie sexualität für sich selbst zu realisieren, ohne dabei vor eifersucht zu sterben, das kann nur jemand, der in der kindheit genug mutterliebe tanken konnte, aber nicht der, der die verliebtheit benützt, um kleinkindwunden zu heilen, was noch niemandem gelungen ist.
heute weiß ich, zweierbeziehung und freie sexualität sind gleichwertige bedürfnisse. die gegensätze von zweierbeziehung und freier sexualität, privat und gemeinschaft, können nur durch die synthese des –sowohl als auch– gelöst werden.
ich halte pures gemeinschaftseigentum für ein ungeeignetes gesellschaftliches organisationsprinzip.
gemeinschaftseigentum gehört niemandem. der einzelne gemeinschaftseigentumsbesitzer besitzt nichts, sondern das gemeinschaftseigentum besitzt ihn. er arbeitet nicht für sich, sondern für das gemeinschaftseigentum. das gemeinschaftseigentum führte zur selbstausbeutung.
als anfang der 80er jahre die sektenhetze aufkam, "sekte" wird alles genannt was nicht dem weltbild von kirche und staat entspricht, gaben wir die öffentlichen vorträge und die werbung für unser modell auf. wir stellten die gästearbeit, die therapie– kreativ– mal– und tanzkurse ein, womit bislang die schöpferische elite der gruppe das bruto–sozial–produkt verdient hatte. stattdessen gründeten wir firmen und arbeiteten mit großen versicherungensgesellschaften zusammen. wir waren in den sumpf einer berufsfalle geraten.
verständlicherweise wollten die verkäufer von versicherungen, finanzierungsprojekten und immobiliengeschäften selbst über das vermögen verfügen .
das gemeinschaftseigentum war dem wunsch nach eigener wohnung, nach eigenem urlaub und nach eigener familie im wege.
die verkäufer litten am meisten unter dem gemeinschaftseigentum und dementsprechend hatten sie den wunsch das privateigentum so schnell wie möglich einzuführen, ohne rücksicht auf das weiterbestehen der gruppe.
am ende der 80er jahre verschlechterte sich das klima in den gruppen. sie lehnten gemeinschaftseigentum und freie sexualität ab und begeisterten sich im postmodernen gewand für die alten konservativen werte: privateigentum, ehe und öffentlichen schulen für die kinder.
durch versammlungen, die "vergangenheitsbewältigung" genannt wurden, propagierten sie die abschaffung der freien sexualität und des gemeinschaftseigentum.
die frauen der kommune, wirtschaftlich unabhängig, waren den männern als pädagoginnen, künstlerinnen, organisatorinnen und führungspersönlichkeiten eindeutig überlegen. nach der auflösung der kommune wurden sie wieder in die alte kleinfamiliäre haushaltsrolle zurückversetzt.
im ersten gruppenversuch der friedrichshof kommune zeigte sich, daß viele theoretische voraussetzungen falsch waren.
ich war der irrigen meinung, die gruppe als soziales sexuelles experiment wäre selbst für leute mit grossen schwierigkeiten eine art heilmittel. es zeigte sich, daß gerade diejenigen, die hilfe dringend benötigten, sich an der auflösung der gruppe besonders aktiv beteiligten.
die struktur, anfänglich blosse beliebtheitsstruktur und maßstab für künstlerische qualität, diente später als organisationsstruktur und erstarrte schliesslich in formalistischem gehabe einer sozialen rangordnung, das mit der wirklichkeit nichts mehr zu tun hatte und den natürlichen kontakt zwischen den einzelnen verhinderte.
der gesellschaftliche rang wird in der klassengesellschaft durch das privateigentum bestimmt. die letzte klasse der kapitalistischen gesellschaft sind die slumbewohner der grosstädte, die inzwischen zum wichtigsten kulturliferant wurde.
musik: rag–time, blues, boogie–woogie, swing, be–bop, hipp–hopp, rap,
die weisse pop musik ist das gesunkene kulturgut der weissen kleinbürger: elvis presley, beatles, rolling–stones etc.
mode: scatter–hose, verkehrtes tragen der schirmmützen
sprache: worte wie cool, hipp,
tanz: boogie, stepp–tanz, breake–dance
die musik der schwarzen hat längst die sog. ernste musik der weissen abglöst, die an schönbergs dürrem ast verkümmert, nur als nachtschattengewächs in antiquierten festwochenandachten vegetiert.
1991 kam es dann zum prozeß gegen mich in eisenstadt. ich wurde zu 7 jahre gefängnis verurteilt. nun stand der auflösung der gruppe nichts mehr im wege.
da im gesetzbuch in österreich die sexualität ab 14 erlaubt ist, hatten wir nach längerer diskussion beschlossen, daß die jugendlichen die wollten, sich an der sexualität der erwachsenen beteiligen konnten. wir glaubten der autoritäsparagraph würde nur für institutionelle autoritäten gelten, wie für lehrer einer schule, oder vorgesetzte in einem amt oder einer firma. doch das gericht war anderer ansicht: mir, als gründer der kommune, wurde der missbrauch eines autoritäsverhältnisses angelastet. autorität ist ein dehnbarer begriff.
als ich meiner zukünftigen richterin zum ersten mal gegenüber saß, eröffnete sie das gespräch mit folgenden worten: "glauben sie nicht, daß mich ihre schweinereien interessieren." ich war sehr erstaunt über diese rede und schwieg, aus angst meine position beim prozeß zu verschlechtern. aber allzugerne hätte ich ihr gesagt: "euer gnaden! ihre worte überraschen mich aufs äußerste. ich kann mich nicht daran erinnern, daß ich sie je beschuldigte, sie hätten den mühevollen weg zum richter nur eingeschlagen, um sich an sexuellen schweinereien aufzugeilen. aber da sie ihre perversen wünsche mir unterstellen, weiß ich, was ich von ihnen zu erwarten habe."
ich lehne sexualität mit sexuell unreifen partnern ab, denn ich bin kein psychopath, der seine angst vor erwachsenen frauen mit kindern kompensieren muß.
ich bin allerdings nicht ganz unschuldig. die jungen mädchen waren sehr eifersüchtig aufeinander. jede wollte eine zweierbeziehung mit mir und ich war unfähig dieses problem zu lösen. ich war wie der schüler in goethes zauberlehrling: "die ich rief, die geister, wurde ich nun nicht los."
ein anthropologe sagte, häuptlinge alter gesellschaften hätten grosse sexuelle ausstrahlung v.a. auf jugendliche ausgeübt. ich habe daraus gelernt, dass von einem dieser verzauberung ausgesetzten, vorsichtige zurückhaltung verlangt wird. die verliebtheit, die ihm entgegengebracht wird, ist nicht echt. es ist eine art star–kult. ich weiss heute, jugendliche soll man den jugendlichen überlassen.
ich war sehr überrascht und schockiert, als ich bemerkte, daß sich die jugendlichen von mir abwandten und konnte mir diesen umschwung in ihren beziehungen – sie hatten mich geliebt und verehrt – nur dadurch erklären, daß sie dem gewaltigen moralischen druck, den abgefallene gruppenmitglieder zu anfang, später auch die gesellschaft durch presse, fernsehen, rundfunk und gerichtliches verhör auf sie ausübte, nicht standhalten konnten. durch den aktionismus geschult, war ich mit solchen reaktionen der öffentlichkeit vertraut.
die jugendlichen behaupteten plötzlich vor dem gericht, sie hätten unter gruppendruck gestanden. sie hätten mich nicht verehrt und geliebt und nur mit wiederwillen meine liebe und zärtlichkeit erduldet.
es ist erstaunlich, dass sie heute noch daran festhalten, vermutlich können sie sich selbst nicht eingestehn, dass sie ihre gefühle verraten mussten. sie müssen während der auflösung sehr gelitten haben.
routinierte antisektenanwälte stilisierten mich zu einem jugendverführer. man rückte mich dadurch in die nähe eines sokrates, der wegen jugendverführung und religionsverletzung den giftbecher leeren musste.
niemand deckte die lügen vor gericht auf. das gericht ließ den falschen und vedrehten zeugenaussagen freien lauf und nahm alle anschuldigungen, waren sie noch so nebulös, begierig auf. mitglieder, die versuchten, die dinge richtig zu stellen, wurden verleumdet, durch das gericht eingeschüchtert und sogar angeklagt. es ging dem gericht darum, den staatsfeind zu beseitigen.
durch meine verurteilung wurde eine alte rechnung mit dem aktionismus beglichen:
"kunst und revolution" 1968 im hörsaal der wiener universität, war der größte kunstskandal der 3. republik.
die presse verwendete damals begriffe wie uniferkelaktion.
günter brus, oswald wiener und ich saßen 2 monate in untersuchungshaft.
nachher in einem großen schwurgerichtsprozeß wurde ich wegen leichter körperverletzung zu einem monat verurteilt, ohne entschädigung für das zweite abgesessene monat.
da es bekannt ist, daß die justiz in österreich rechtslastig ist, kann man sich die späte genugtuung der richter vorstellen. hätte kreisky noch gelebt, der der kommune positiv gegenüber stand, hätte vermutlich dieser prozeß nicht stattgefunden. der urteil wird sicherlich wieder revidiert vor oder nach meinem tod.
später, nach meiner verurteilung in den haftanstalten stein und mittersteig, konnte ich feststellen, daß das eisenstädter gefängnis wohl die rückschrittlichsten und engstirnigsten haftbedingungen hatte. nur einmal in der woche duschen, klomuschel ohne vorhang, 10 uhr abends wurde das licht abgeschaltet. ganzen tag hinter geschlossener zellentüre, außer eine stunde spaziergang im hof. besucher wurden hinter einer glaswand abgefertigt. mir wurde nicht erlaubt, was in anderen haftanstalten selbstverständlich war, die von mir gemalten bilder beim besuch hinauszugeben.
der staatsanwalt explodierte: "die kommune war in wirklichkeit ein KZ. der strafrahmen von einem bis zu zehn jahren reicht nicht aus, die verbrechen des angeklagten zu sühnen. es sind da sachen passiert, ... aber leider, gesetzlich nicht fassbar, um paragraphisch greifbar zu werden." hingerissen und aufgegeilt durch die radikalen formulierungen des sprachkünstlers karl, schnellte der richter haberl, der präsident des katholischen familienverbandes, wie ein lachs auf hochzeitsreise, aus seinem sessel hoch, weit sich vorbeugend über den tisch. zwischen zwei barocken kerzenständern, am kreuz drohte jesus, wie die zunge aus dem maul des geckos's schnalzte father earl haberl's zeigefinger aus dem talarärmel auf meine nase, als hätte dort eine fliege gesessen.
"sing den katholikenblues!
das sind deine werke.
gab satan dir die stärke
du hast das gesetz verletzt
du hast mit deiner mama gewetzt
du hast die menschen gequält
mit der freien sexualität
blutschande hast du auf dich geladen
drum gehst du jetzt auch baden
geschändet die unbefleckte empfängnis
drum mußt du ins gefängnis
und kriechst du auch auf allen vieren
jesus läßt dich trotzdem krepieren."
in freien rhythmen übersetzt war es ungefähr das, was mir haberl sagen wollte.
mir war klar geworden, daß es sich hier nicht um eine gerichtsverhandlung handelte, sondern um absurdes theater.
als paragraphenhengste, als mörderische schurken im talar, hat honore daumier die staatsanwälte und richter dargestellt.
eduard wegrostek, mein rechtsanwalt, beeindruckt vom burgenländischen mulatschak: "man sollte doch sachlich bleiben, das gerichtsverfahren verkommt zum hexenprozeß". die burgenländer blieben unbeeindruckt. zeugen, die positives über mich auszusagen wagten, wurden von der richterin, der ein goldenes kreuz über dem busen baumelte, mit gefängnisstrafen bedroht oder einfach abgewiesen: "das bringt nichts neues, das können wir uns schenken"
hierauf folgte das glanzstück: sie haben mir zum schluß noch eine vergewaltigung angedreht, die nicht stattgefunden hat. dieses kuckuksei legte mir ein ehemaliges kommunemitglied in zusammenarbeit mit einem antisektenanwalt und einer, zum vergewaltigten opfer manipulierten zeugin, die erst nachher merkte, was sie angerichtet hatte und meiner frau und daniele roussel nach meiner verurteilung weinend gestand, sie bereue ihre zeugenaussage, es täte ihr leid, sie hätte das ganze nicht so ernst genommen, hätte angst gehabt, falls sie wiederrufen würde wegen falscher zeugenaussage ins gefängnis zu kommen, man hätte ihr das angedroht. ich denke allen ernstes daran, diesen prozeß neu aufzurollen, falls sich die politische situation in österreich wieder normalisiert und ich bin überzeugt, daß es noch geschehen wird, egal ob vor oder nach meinem tod.
earl haberl lieferte das verhör, bohrte solange, bis schließlich die präparierte zeugin, für jeden ersichtlich, sich in grobe widersprüche verwickelte und aus angst, als lügnerin entlarvt zu werden, zu weinen begann. wie auf ein erwartetes kommando waren die burgenländischen richtergötter vor rührung den tränen nahe. es wurde trotz meines protestes angenommen, die vergewaltigung wäre zwar nicht klar bewiesen, aber der verdacht der vergewaltigung bestehe zurecht, zumal mir diese gewalttätigkeit ohne weiteres zuzutrauen wäre.
ich wurde verurteilt wegen freier sexualität, ich wurde dadurch zum wichtigsten kinderschänder oesterreichs durch die justiz gestempelt. es ist nämlich so: auf juden darf man nach dem holocaust nicht schimpfen, seit homosexualität in mode kommt, kann man sich an homosexuellen nicht mehr ausleben, auch über ausländer ist es allmählich nicht mehr zeitgemäß sich aufzuregen. so fragt man sich: wohin mit den aggressionen der staatsinsassen? und da hat man zum glück ein neues krokodil aus der horrorkiste gezaubert: den kinderschänder.
filmhelden, wie mr. hyde haben den kinderschänderkomplex für sich reserviert. dr. jeckill gerät, nachdem er sich durch den zaubertrunk in ein tier verwandelt hat, sobald er das wort kinderschänder artikuliert, geradezu in eine art aufgeputschte sexuelle raserei. köstlich wie er das wort kinderschänder ausspricht. dabei verzieht sich sein kiefer zu einer schiefen grimasse, seine lippen öffnen sich zu einem geilen schmatzen, sodass es dem kinopublikum kalt über den rücken läuft.
im unterschied zu mr. hyde geriet der burgschauspieler, in meinem theaterstück "Muchl", das im wiener burgtheater unter der direktion peymann aufgeführt wurde, in schwierigkeiten.
PEDO–BLUES:
als er die juristische sumpfblüte schnalzen lassen sollte,
aus "kinderschänder" den "kinderständer" drechselte,
und alles miteinander verwechselte,
auf einmal sein stimmkasten nicht mehr wollte.
nach dem mir die halbstrafe verweigert worden war, ersuchte ich um den erlaß der drittel strafe.
der psychiatrische gerichtsgutachter dr. primar david, lehnte mein ansuchen um den erlaß der drittel strafe ab. begründung: ich wäre durch meiner parkinson erkrankung sexuell behindert und die frauen würden mich ablehnen. aber bei jugendlichen mädchen könnte ich durch meine krankheit mitleid erregen und erfolg haben. man sollte in therapeutisch überwachtem gespräch zwischen mir und meiner frau herausfinden, ob sie mich überhaupt noch aufnehmen wollte.
es ist klar, ein psychiater, der nicht die wünsche der richter vertritt, ist für diesen job ungeeignet.
ich entkam der staatlichen entsorgungsanstalt mit 72 jahren noch lebend, mit der parkinsonkrankheit und auf einem auge erblindet, verschuldet von amtsartz in der justizhaftanstalt stein, der als mitglied der haiderpartei seine aggressionen gegen mich als fehlleistung auslebte.
die kommune friedrichshof existierte 20 jahre lang. positiv daran war, dass nicht nur ich, sondern alle erfahrungen sammeln konnten, die heute jeder auf seine weise nützt. oft höre ich von ehemaligen mitgliedern, dass sie die freie sexualität vermissten. es ist schwer, den weg wieder zurückzufinden zu dem, was an der gruppe, trotz allem negativen, sehr positiv war.
unlängst besuchte ich den friedrichshof, den ort, wo ich vor 20 jahren begonnen hatte, und der heute im besitz der genossenschaft ist, die alles verkaufte, was an die kommune erinnerte: wäscherei, großküchen–einrichtungen, pferde, tischlerei, siebdruckerei, schlosserei, kfz werkstatt. die privatschule friedrichshof, die im burgenland sehr angesehen war, wurde auf befehl des eisenstädter staasanwaltes geschlossen. wo früher die großküche war, ist heute ein öffentliches restaurant. der obstgarten wurde parzelliert und als baugrund verkauft. leute aus der umgebung, aus wien, mieteten wohnungen, besitzen grundstücke und häuser. die grosszügige gemeinschaftsarchitektur wurde kleinen wohneinheiten geopfert. ein 5 stern hotel ist geplant. das flugdach, aus holz gebaut, ursprung der kommunearchitektur, wird abgerissen. ein architekt bemerkte, daß das flugdach das interessanteste gebäude am friedrichshof wäre. das grab herbert kutscheras, ein altes kommunemitglied, der anfang der 80jahre starb, ist kaum mehr zu finden, verwachsen, von gestrüpp überwuchert. der schüttkasten, in dem die ersten selbstdarstellungen stattfanden, wurde verkauft.
heute 2001, lebe ich seit 4 jahren in portugal in der algarve. 15 erwachsene und 12 kinder machen einen neuen kommuneversuch. wir haben aus dem grosskommuneversuch gelernt: die gruppe sollte einen familiären rahmen erhalten, in dem jeder jeden kennt und die persönliche beziehung die basis des zusammenlebens ist.
wir wollen uns nicht vergrössern.
unter dem zukünftigen "staat" stelle ich mir eine vernetzung kleiner autonomer familiengruppen vor und alles, was diese miteinander machen, wird freiwillig sein und vor allem notwendig. es wird nichts überflüssiges finanziert werden, keine beamten, keine justiz, keine polizei. familiengruppen sind autonom und regeln ihre sache selber. es ist mir bewußt, daß es sich um theorie handelt.
forschung und praxis werden zeigen, wohin der weg geht.
ich hoffe aus dem sumpf.
© archives otto muehl
1970 war Otto Muehl fünfundvierzig Jahre alt und nahm eine grundlegend kritische Haltung gegenüber der Kunst und der gesellschaftlichen Rolle des Künstlers ein. Der radikale Schritt weg von der Kunst zur alternativen Lebensform bedeutete nicht nur den Neuanfang seiner künstlerischen Existenz, sondern auch die Neugestaltung seines sozialen Lebens. Nachdem seine Ehe geschieden war, und engere Freunde der Einladung, eine Künstlerwohngemeinschaft zu gründen, nicht gefolgt waren, ließ Otto Muehl junge Leute, die eine Unterkunft brauchten, bei sich wohnen. Seine Wohnung in der Wiener Praterstraße verwandelte sich in ein Auffanglager für junge Künstler, Studenten und skurrile Existenzen am Rande der Gesellschaft. 1971 hatte sich ein fester Kern von etwa zehn Personen gebildet, die Gelegenheitsjobs nachgingen. (Modellstehen, Zettelverteilen etc.). Otto Muehl verdiente nach wie vor sein Geld durch Nachhilfestunden. Viele waren in der Nacht unterwegs und schliefen am Tag. Da kaum jemand ein Einkommen hatte, lebte die Gruppe von Wurstresten und dem, was gelegentlich gekocht wurde.
Bereits nach kurzer Zeit war die "Mühl–Kommune" ein fester Bestandteil der Diskussionen in der Wiener Anarcho– und Kunstszene, besonders nach den spektakulären Aktionen Muehls und einiger Mitaktionisten in Deutschland. (Köln, Braunschweig, Bremen). Obwohl die Warnung in Wien kursierte: "Wenn du dort hingehst, kommst du nicht mehr los", oder vielleicht gerade deswegen, wurden viele, vorwiegend aus dem Umkreis der linken Therapie– und Wohngemeinschaftsszene, Bohemiens und Freigeister aller Art, von der kleinen, experimentellen Gruppe angezogen. Otto Muehl war plötzlich eine Art Geheimtyp geworden. Und so entwickelte sich die kleine Wohngruppe innerhalb von zwei Jahren in eine nach außen selbstbewusst auftretende Gemeinschaft, deren Absicht es war, Kunst und Leben zu vereinen und in einem utopischen Soziallabor das Modell einer Gegengesellschaft zu verwirklichen.
Die Inhalte wurden von Muehl bereits 1970 im Zock Manifest formuliert: Radikale Befreiung der Sexualität aus den Fängen ihrer Klischees, Aufhebung der Trennung von öffentlich und privat, keine verschlossenen Klotüren, Ausstieg aus den bürgerlichen Berufsrollen, Überwindung der Kunst durch aktionistische Lebenspraxis in der Gruppe, Kultur selbst machen und nicht konsumieren. Kein Fernsehen, kein Kino, keine Kneipen, keine Theaterbesuche. Es hat keinen Sinn, die Gesellschaft zu verändern. Man muss eine eigene machen. Außerdem kann man die Gesellschaft nur verändern, wenn man zuerst sich selbst verändert, wenn man seine ganze Existenz in die Waagschale wirft, auf alle bürgerlichen Bequemlichkeiten verzichtet, und sich kritisch mit sich selbst auseinandersetzt.
Ende 1971 gründeten die beiden "Urschüler" Muehls aus der Aktionszeit, Herbert Stumpfl und Otmar Bauer, eigene Gruppen (Taborstraße und Postgasse), die zwar autonom, dennoch Ableger der Kommune Praterstraße waren. Insgesamt sollten am Ende des folgenden Jahres bereits über vierzig Leute in den drei Wiener Stadtgruppen leben, die längst den Rahmen einer großbürgerlichen Wohnung sprengten. Der Begriff "Mühl–Kommune" rief in Wien bald eine gewisse Ehrfurcht vor seinem real praktizierten Anarchismus hervor, der der Theoretisiererei der meisten anderen linken Strömungen entgegenstand, und wer die Kommune besuchte, musste damit rechnen, einer Situation ausgesetzt zu sein, deren Folgeerscheinungen für ihn unabwägbar waren. Die 120 m2 Wohnung in dem herabgekommenen Hinterhaus in der Praterstraße 32 war eine Art Elchtest für die eigene Authentizität und die emotionelle Lockerheit. Das Besondere an der Wohngemeinschaft war die Kreativität von Otto Muehl.
Im Juni 1972 begann Otto Muehl mit einigen KommunardInnen analytische Einzelsitzungen zu machen und parallel dazu Gruppenanalysen anzubieten, in denen es um die Befreiung von sexuellen Zwängen ging, und die als erste Schritte zur späteren Auflösung der Zweierbeziehung zu sehen sind. Die analytischen Sitzungen ergaben sich aus Muehls eigenen Erfahrungen mit der Psychoanalyse, insbesondere seiner Lehranalyse bei Josef Dvorak, der in den Anfangstagen der Kommune zu einem potentiellen Mitbewerber zählte, sich jedoch bald zu einem heftigen Konkurrenten und Feind entwickelte. Der Grund waren nicht nur Meinungsdifferenzen, sondern die Tatsache, dass Dvorak einen Großteil seiner Schüler, die Frühjahr 1972 geschlossen in die Praterstraße einzogen, an Muehl verloren hatte. Anfangs basierten die Analysen auf der klassischen Methode Freuds, entwickelten sich aber bald zu einer Körpertherapie, als deren Lehrmeister Wilhelm Reich zu sehen ist. Seine "Charakteranalyse" wurde zum Standardwerk der Kommuneliteratur. Zu dieser Zeit fanden auch mehrere Gruppenexperimente mit LSD statt, die jedes Mal zu unkontrollierten Durchbrüchen einiger Teilnehmer führten und deshalb wieder eingestellt wurden.
Muehls Wohnung in der Praterstraße verwandelte sich in eine Urhöhle: Im Zentrum der Höhle befand sich ein aus groben Brettern gezimmertes Hochbett, auf dem die Gruppenmitglieder schliefen, darunter war ein begehbares Kleiderlager. Ein kleines Analysezimmer, schalldicht isoliert, mit einem zweimal zwei Meter großen braunen Materialbild an der Wand. Im straßenseitig gelegenen Zimmer gab es eine Sitzecke, in der die gemeinsame Kommunikation stattfand, rundum selbstgebaute Regale, alles sehr funktional. Am Tag strickten die Frauen bunte Pullover und nähten aus Fellen Jacken. Am Abend fanden in der Sitzecke spontan inszenierte Happenings statt. Unter dem Hochbett stand eine Kiste mit Socken, eine mit Unterhosen und eine mit Hemden und Leibchen, aus denen man jeden Morgen seine Kleidung zusammenfischte. Bunte Stoffe waren beliebt und pyjamaartige, weiche Flanellhemden, darüber eine Latzhose. Es kam die Idee auf, öffentlich Schnuller zu tragen, um zu demonstrieren: Wir haben uns aus der Erwachsenenwelt zurückgezogen.
Im Herbst 1972 wurde der Friedrichshof gekauft, ein ehemaliger Gutshof von Erzherzog Friedrich, inmitten der Parndorfer Heide gelegen, zehn Kilometer von der ungarischen Grenze und zehn Kilometer vom Neusiedlersee entfernt. Rundum kilometerweit nur Felder und der endlos weite Horizont der ungarischen Tiefebene. Vom ehemaligen Mustergutshof waren nur noch drei Gebäude übrig geblieben: der Getreideschüttkasten, der Wasserturm und das ehemalige Schulhaus, das den Anfangs vorwiegend an den Wochenenden stattfindenden Ausflügen der Stadtgruppen als Übernachtungsmöglichkeit diente. Das Wasser musste in Kanistern aus dem nahegelegenen Gols herangeschafft werden, drei vom Vorbesitzer übernommene tuberkulöse Hühner und ein kleiner Gemüsegarten waren der Beginn einer zukünftigen Landwirtschaft. Da kein Anschluss an das Stromnetz vorhanden war, fanden die Gemeinschaftsabende bei Petroleumlicht statt, geheizt wurde mit einem alten Bauernherd.
Ende 1972 hatte sich die Gruppe zwar stark vergrößert, aber niemand wusste genau, was eine Gruppe überhaupt war, und welche Prinzipien eines Zusammenlebens den Bestand einer Gemeinschaft ermöglichen. Fast alle lebten in festen Zweierbeziehungen. Gleichzeitig fanden sich in der Praterstraße viele ein, die bei Otto Muehl Analyse machen wollten, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass er auch Leuten von außerhalb Analysestunden gibt. Der Gästetarif betrug vierzig Schilling, die Gruppenmitglieder zahlten nur dreißig. Mit den Analysen lichtete sich auch das Chaos innerhalb der Gruppe. Es lag in der Luft, die Zweierbeziehungen wenn schon nicht aufzulösen, doch zumindest aufzulockern.
Ständig wurde gefilmt, gemalt, fotographiert, Siebdrucke hergestellt, Musik gemacht oder getanzt. Fast täglich kamen Besucher. Bis spät in die Nacht wurde diskutiert. Ende 1972 war die "Mühl–Kommune" die einzige Wiener Wohngemeinschaft mit Konzept: Die Mischung aus Psychoanalyse und Aktionismus, sowie dem zukunftsweisenden Modell einer gesellschaftlichen Alternative, verschafften der Kommune in der linken Szene innerhalb kurzer Zeit eine enorme Attraktivität.
Im Frühjahr 1973, nach der Rückkehr von einer Aktionsveranstaltung in den Vereinigten Staaten, musste sich Otto Mühl mit der Tatsache abfinden, dass seine Freundin Elke, eine junge Studentin, ausgezogen war. Nach dem ersten Schock konfrontierte er die Gruppe mit der Entscheidung, keine Zweierbeziehung mehr einzugehen und dies auch allgemein durchsetzen zu wollen. Ausgehend davon, dass jede Liebesbeziehung projektiver Natur sei, also der ideale Partner, die große Liebe, unerfüllte Wünsche aus der Kindheit wären, sollten ab nun die sexuellen Beziehungen auf der Basis eines freien Begehrensmarktes stattfinden, wobei der Begriff "frei" insofern falsch ist, als die Sexualität innerhalb der Kommune eine sozial gebundene war und voraussetzte, sich auch für alle anderen Aktivitäten wie Arbeit, Kinder, Kommunikation, Selbstdarstellung zu verpflichten. Um die anfängliche Peinlichkeit, vor dem Schlafengehen jemanden für die Nacht zu wählen und womöglich abgelehnt zu werden, zu umgehen, wurden Spiele veranstaltet, wie "Who with Whom", ein selbstgebasteltes Quartettspiel, bei dem es darauf ankam, die Karten desjenigen zu vervollständigen, mit dem man gerne die Nacht verbringen wollte.
Im Juni rief Otto Mühl das Gemeinschaftseigentum aus. Was diese Einführung betrifft, waren alle einverstanden, da niemand Geld hatte. Als äußeres Zeichen der Veränderung schnitten sich die KommunardInnen die Haare ab, zuerst Millimeter kurz, dann eine Glatze. Dieser Schritt signalisierte auch einen Bruch mit der inzwischen unverbindlich gewordenen, weil gesellschaftlich akzeptierten, Subkultur der 60er Jahre. Modische Accessoires und Kosmetika waren sowieso von vornherein verpönt. Identität und Individualität sollten nicht durch Äußerlichkeiten gezeigt werden, sondern durch die schonungslose Entblößung der "kleinfamiliengeschädigten" Existenz: "Schön ist, was nicht beschönigt wird."
Otto Muehl entwickelte unter dem Einfluss der Reichschen Schriften die Verbalanalyse weiter zur "Aktionsanalyse". Es wurde nicht mehr analysiert, was der Analysant erzählte, sondern was er tat. Der Analysant wurde zum Aktionisten. Die Kommunikation mit dem Therapeuten wurde zum Rollenspiel, in das aktionistische Elemente einflossen. Die Aktionsanalyse bedeutete einen Freiraum, sowohl die gesellschaftliche als auch kommuneinterne Anpassung zu durchbrechen, die Natur von der degenerierten Kultur, den spontanen Impuls vom Zwang zu befreien. Regression als Antwort auf die gesellschaftliche Repression. Auf allen vieren kriechen, Geburtserlebnisse, pränatale und postnatale Zustände erleben, Rückkehr zu archaischen Bewusstseinsformen. Otto Muehls Rolle entwickelte sich zu der eines Schamanen. Die allabendlichen Kommunikationshappenings in der Sitzecke waren eine existenzielle Auseinandersetzung mit den eigenen charakterlichen Unzulänglichkeiten. Die spontane Erfindung eines Gedichtes konnte Aufnahme in den Olymp, eine danebengegriffene Bemerkung den Absturz ins Nichts bedeuten.
Der Friedrichshof blieb weiterhin gemeinsamer Treffpunkt aller Gruppenmitglieder, die jedes Wochenende mit einem alten VW Bus und auf der Ladefläche eines Möbeltransporters ankamen. Ab Frühjahr 1973 lebten bereits einige Leute fest am Friedrichshof und betrieben in bescheidenem Maße Anbau von Gemüse und Mais, sowie die Haltung von Kleintieren. Es wurde ein Hochbett gebaut, ein Matratzenlager errichtet, ein Generator für die Stromversorgung angeschafft und der alte Brunnen für die Wasserversorgung wiederhergestellt. Das Geld für die Ausbauprojekte verdiente man neben den Gelegenheitsjobs nun auch durch eine Transportfirma und eine kleine Tischlereigruppe. Auch das Engagement einiger Gruppenmitglieder für den Film "Sweet Movie" von Dusan Makavejew brachte Geld ein, das sofort in den Friedrichshof investiert wurde. Bald übersiedelten immer mehr KommunardInnen hinunter ins Burgenland, und nach der Auflösung der beiden Stadtgruppen Nestroyplatz und Postgasse, – auf Grund von emotionellem Dauerstress, und deren Einzug in die Praterstraße, war die Kommune auf 50 Leute angewachsen. Viele Sozialfälle aus den Anfangstagen hatten die Gruppe wieder verlassen.
Ein neuer Name wurde gefunden: AA Kommune (Aktionsanalytische Kommune). Und die ersten Kinder kamen zur Welt. Einige Geburten fanden im Beisein aller Gruppenmitglieder statt. Zum Jahreswechsel gab es bereits eine Kindergruppe für sechs Kinder. Die Abende gestalteten sich immer mehr als künstlerische Gruppenveranstaltungen: gemeinsame Malaktionen, Tanzabende, und nach der Anschaffung einer Filmausrüstung auch die ersten Kommune–Aktionsfilme. Die Gruppe begann sich als therapeutisch/künstlerische Gemeinschaft zu verstehen, mit der Aufgabe, die durch die Kleinfamilie programmierten Mitglieder neu zu konditionieren, d.h. fähig, innerhalb der ständig wechselnden Gruppenprozesse mit den anderen kommunizieren zu können. Das Fallen in infantile Zustände war hoch bewertet.
Die Aktionsanalyse entwickelte sich weiter zur Selbstdarstellung (SD) vor der Gruppe. Angeregt durch die Filmvorführung eines Anthropologen, der einen Film über Pygmäen und ihre Behandlung von Wahnsinnigen zeigte, diente die kurze energetische Entladung inmitten der trommelnden Gruppenmitglieder für den Abbau von Spannungen. Ekstase als Erkenntnis und Bewusstsein bildendes Prinzip. Der Darsteller war nun nicht mehr abhängig vom Analytiker, sondern wurde selbst tätig. Der Analytiker wurde zum Publikum. Es ging in der Selbstdarstellung darum, seine Emotionen in Form eines Tanzes, einer Rede oder Gesanges spontan zum Ausdruck zu bringen; eine Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und den Grenzen ihrer Verwirklichung.
1975 nahm die Entwicklung der Kommune eine Wendung hin zu verstärkter Außenarbeit und Propaganda. Die Idee der Kommune sollte in die ganze Welt hinausgetragen werden, bis die ganze Welt zu einer einzigen Kommune mutiert, ohne Geld, Hunger und Kriege, in der alle durcheinanderficken und glücklich sind, eine Welt, in der Kinder ihre Bedürfnisse frei entfalten können, die weder Neurosen, noch Macht– und Besitzdenken kennt, und in der Zweierbeziehung und Ehe als vom Staat sanktionierte Krankheit gilt. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde durch den AA Verlag betrieben, der in den folgenden Jahren zahlreiche Publikationen veröffentlichte. 1974 war es bereits zur Herausgabe einer eigenen Kommunezeitung, "AA Nachrichten", gekommen, in der die neuen Ideen des Zusammenlebens nach außen getragen wurden, und die innerhalb der nächsten vier Jahre in jährlich vier bis sieben Auflagen erschien. Es wurde außerdem beschlossen, im Sommer einen Kommunelehrgang auf dem Friedrichshof abzuhalten, um auch Leuten von außerhalb Gelegenheit zu geben, das Gruppenleben kennenzulernen. In den AA Nachrichten rührte man dafür die Werbetrommel; Teile des Schüttkastens wurden für die zu erwartenden Gäste adaptiert. Anfang Juli trafen überraschend viele Teilnehmer ein, etwa 70, die danach den Kern der ersten deutschen und Schweizer AA Gruppen (Berlin und Genf) nach dem Vorbild des Friedrichshofes bildeten.
Während dieses ersten Gästekurses fand die Selbstdarstellung zu einer neuen Form, der Performance vor großem Publikum. Die Abende gestalteten sich zu unbeschreiblichen Festen: Emotionelle Slapsticks, Beziehungskonflikte als griechische Tragödien dargestellt, ekstatische Tänze, existenzielle Zusammenbrüche. Oft erst am Ende des Abends der erlösende Sprung in die Mitte. Otto Muehl war Schamane und Entertainer zugleich. Die Kunst fand ihren Stellenwert in ihrer kathartischen Funktion und der Lächerlichmachung von allem, was dem Bürger heilig ist: Ehe, Staat, Religion, eigenes Häuschen und eigene Küche. Als Künstler galt nicht der, der der das Diplom einer Kunsthochschule in der Tasche hat und in Galerien ausstellt, sondern der sich im Rahmen einer Gruppe existenziell mit sich selbst auseinandersetzt.
Wer sich als Besucher zum Friedrichshof wagte, war nicht nur mit der beängstigenden Abgeschiedenheit konfrontiert, sondern auch mit den seltsamen Ritualen der Kommunarden, die ihre Emotionen aus sich herausschrieen und auf symbolische Weise den Vater– und Muttermord praktizierten. Im Herbst evozierte ein Fernsehbericht über den Alltag der Kommune die tiefsten Ängste der Österreicher. Die gezeigten Darstellungen führten die Zuschauer an psychische Abgründe, die ihnen normalerweise verborgen waren. Der Ausstrahlung folgte ein Mobbing der Behörden gegen die Gruppe und binnen kürzester Zeit die Mobilmachung der Staatsgewalt. Im November 1975 kam es zu einer groß angelegten Razzia, bei der 60 Polizisten den Friedrichshof nach Rauschgift durchkämmten – und keines fanden.
Inzwischen hatten sich viele Arbeitsgruppen gebildet, bei denen auch die Gäste halbtags mitmachten: Elektrik, Garten, Ausbau, Planung, Installation, Küche, Wäsche, Verlag, Tischlerei, Gästeorganisation. In Wien und Neusiedl wurden AA Magazine eröffnet, in denen amerikanische Latzhosen und Secondhand–Ware verkauft wurde. Ein Arbeitsorganisator koordinierte die Arbeitseinsätze, die dennoch so locker organisiert waren, dass zwischendurch Sex in allen Variationen stattfand.
Parallel zu den verschiedenen Strömungen der Alternativbewegung formierte sich im nördlichen Burgenland eine Stammesgesellschaft, die mehr den Gesetzen einer Pavianhorde, als den emanzipatorischen Bewegungen seiner Zeit gehorchte. So ging die aufstrebende Schwulenbewegung an der ausschließlich heterosexuell orientierten Sexualmentalität der KommunardInnen vorbei, denen es nicht um Emanzipation, sondern um Evolution ging. Homosexualität galt als "infantile Schädigung". Der ideologische Wurm, der sich später in der Gruppe festsetzen sollte: "Das Ganze ist wichtiger als das Einzelne", mischte hier bereits im Höhenflug der Revolution mit. Während die Gruppe die Utopie einer zukünftigen Welt–Kommune–Gesellschaft (WCO) entwarf, kämpfte der Einzelne in einer Welt, die für ihn wie von einem anderen Stern war, um seine Identität.
Die folgenden Jahre waren die der Expansion. Auf Grund der Kommunelehrgänge zogen immer mehr Leute ein, und die Gemeinschaft vergrößerte sich innerhalb von vier Jahren von fünfzig auf zirka fünfhundert Mitglieder. Am Höhepunkt der Expansion, Anfang der Achtziger Jahre, sollten insgesamt 650 Kommunarden am Friedrichshof und in den europäischen Stadtgruppen leben. Tausende andere waren für kurze Zeit eingezogen und wieder abgereist: ganze Horden deutscher Spontis, französische Bergkommunen, skandinavische Therapiegruppen, Einzelgänger, die ihr psychisches Heil suchten und fixierte Paare, die einander loswerden wollten. Zum Teil beruhte dieser vehemente Zuzug auf dem Einsatz einiger KommunardInnen, ein eigenes Team arbeitete in der so genannten BV = Bewusstseinsverbreitung – eine Arbeitsgruppe, die für die Verbreitung der Ideen zuständig war – zum Großteil aber auf der Anziehungskraft, die Otto Muehls aktionistischer Kommunikationsstil und sein offen praktizierter Hedonismus auf die Besucher ausübte. Er faszinierte sein Publikum, indem er unbewusste Rollenmechanismen sichtbar machte und Aggressionen und Ängste im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auflöste. In diesen Jahren wuchs der Friedrichshof zu einem Kaderzentrum, in dem Kunst und Realität eine Einheit waren, und eine linke Praxis gelebt wurde, die in den Siebzigerjahren ihresgleichen suchen konnte.
Anfang 1976 fand der erste AA Kongress statt, bei dem gewählte Mitglieder aus den neu gegründeten Stadtgruppen wie auch des Friedrichshofes zusammentrafen, und bei dem das internationale Gemeinschaftseigentum, die internationale freie Sexualität und gemeinsame Arbeit und Produktion beschlossen wurden. Im Zentrum des Kongresses standen die oft nächtelangen Selbstdarstellungen, die sich in dieser Zeit auch zu Gruppendarstellungen entwickelten. Von nun an nannte sich die Kommune AAO: Aktions Analytische Organisation. Es folgte eine intensive Phase von Vortragsreisen durch Europa und in die USA, auf Grund derer sich weitere Stadtgruppen in Paris, München, Kiel, Hamburg, Bremen, Heidelberg, Krefeld, Frankfurt, und sogar für einige Zeit in Boston bildeten. Während der Vortragsreisen kam es immer wieder zu Saalschlachten, wenn radikale linke Gruppen, denen der Stil der AAO als reaktionär erschien, die Veranstaltungen stürmten.
Im Frühjahr 1976 stellte Otto Muehl die Entwicklung der Aktionsanalyse/Selbstdarstellung in der "AA–Parabel" dar, und manifestierte die grundlegenden sozialen Regelungen der Gruppe in den "AA–Prinzipien". Auf Grund der 12 Parabelstufen, die den Verlauf der Aktionsanalyse darstellten, fand eines Abends eine gewählte Reihung aller Anwesenden statt, entsprechend der emotionellen Stufe, auf der sie sich in der Analyse gerade befanden. Dies war der Grundstein für die spätere "Struktur", die hierarchische Reihung aller Mitglieder, die, ähnlich wie in einer Schule, eine Art Leistungsklasse für den sozialen Bewusstseinsstand des einzelnen bedeutete. Die Leute auf den höchsten Stufen gehörten automatisch der Führung an. Der sich immer mehr erweiternde Kunstbegriff verdichtete sich fortan zum sozial– und kunstpädagogischen Environment.
Dieses Jahr war auch geprägt von internen Veränderungen. Die Frauen demonstrierten bei den Selbstdarstellungsabenden auf aktionistische Weise gegen die Machtdominanz der Männer und gründeten die Frauenforderung (FF). Diese von Otto Muehl in Gang gesetzte Aktion veränderte tatsächlich die Entscheidungsstrukturen der Kommune und hatte auch die Gründung einer Männergruppe (MM), Mittelstandsgruppe (MISTASCH) und Proletariergruppe (PROPOT) zur Folge, die sich aber nicht lange hielten. Ab nun waren Frauen in den dominanten Positionen der Gruppe vertreten.
In diesem extrem heißen Sommer wurde die "Materialselbstdarstellung" ins Leben gerufen. Otto Muehl, der inzwischen auch zu malen begonnen hatte, griff sein Thema aus dem Aktionismus wieder auf und kreierte eine neue Art von Aktionstheater, eine Verbindung von Materialaktion und Aktionsanalyse. Auch andere aktionistische Elemente flossen in die Selbstdarstellung ein: psychomotorische Geräuschaktionen, Atem– und Schreiaktionen, musikalische und gestische Elemente, inszeniertes und spontanes Theater. Worum es nach wie vor ging, war Identität und Energie.
Ende des Jahres wurden erstmals Gruppenleiter in die verschiedenen Gruppen gesandt, von denen erwartet wurde, dass sie auf Grund ihrer Erfahrungen mit den Schwierigkeiten des Zusammenlebens umgehen konnten und das Gedankengut der Basisgruppe weiterverbreiteten. Die Tätigkeit des Gruppenleiters entwickelte sich in der Folge zu einem regelrechten Beruf. Gleichzeitig machten die erhöhten organisatorischen Anforderungen die Einführung eines Vorstandes samt Finanzverwaltung, Buchhaltung und zentraler Organisation notwendig. In den Gruppen wurden GmbHs gegründet. Die Firmen wurden als Gemeinschaftsbetriebe geführt.
1977 entstanden neue Gruppen in Toulouse, Lyon, Oslo, London, Nürnberg, Amsterdam, Düsseldorf und Wien. Ein internationales Organisationsbüro wurde ins Leben gerufen und die Regelung des internen Geldverkehrs zwischen den Gruppen und dem Friedrichshof eingeführt. Ein Teil der Evolution fand ab nun nicht mehr nur auf künstlerisch/therapeutischem Gebiet statt, sondern auch auf dem der Organisation und der Verwaltung, die immer mehr Platz in den gemeinsamen Gruppenveranstaltungen einnahm. Grund dafür war nicht nur die Bewältigung der rasant anwachsenden Probleme mit dem Gemeinschaftseigentum, sondern auch die wachsende soziale Verantwortung gegenüber den Kindern. Inzwischen gab es eine große Kindergruppe, nach Alter gestaffelt. Die "Pädagogik" nahm eine gewichtige Stellung innerhalb der Kommune ein.
Arbeitete man früher abwechselnd in jeder Arbeitgruppe, so gab es nun eine feste Verlags–, Werkstatt–, Mediziner–, Müttergruppe, usw. Aus eigener Hand wurde eine Kläranlage errichtet, Zentralheizungen installiert und der Schüttkasten ganz als Gästeunterkunft ausgebaut. Eine Gesundheitsstation und eine Näherei entstanden. Neben den Selbstdarstellungen wurden "Realitätsabende" eingeführt, um den Mitgliedern einen Überblick über die Entwicklung zu vermitteln. Gleichzeitig wurden BAGs (Bewusstseinsarbeitsgruppen) gegründet: Hierarchisch geordnete Kleingruppen von etwa 10 Personen, in denen durch direkte Abstimmung die Binnen–Rangordnung festgelegt wurde, wobei die Möglichkeit bestand, in höhere BAGs aufzusteigen, bzw. auch umgekehrt. Der 1. BAG mit Otto Muehl an der Spitze hatte die gesamte therapeutische, pädagogische und ökonomische Leitung über. Neben dieser "bewusstseinsmäßigen" Hauptstruktur bildeten sich Öko–Bags, Mütter–Bags, Ausbildungs–Bags, und andere Untergruppierungen, in denen eine ständige Schulung und Professionalisierung stattfand und die den Differenzierungsprozess der Kommune sichtbar machten.
Der Bekanntheitsgrad der Kommune wurde durch die ständigen Vortragstourneen und Medienberichte enorm gesteigert, was das Jahr 1977 auch zu dem der höchsten Zuwachsrate machte. Die "Bewusstseinskurse" auf dem Friedrichshof waren zu einem Renner innerhalb der linken Szene geworden und leiteten gleichzeitig den Beginn der "Sektenjagd" auf die Kommune ein, die sich von nun an mit diesem Vorwurf konfrontiert sah. Den politischen Kontakten tat dies keinen Abbruch: Im Sommer empfing der damalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky eine Delegation der Kommune, die bei linken Politikern nach wie vor den Ruf eines radikal gelebten Sozialismus genoss. Krisenpunkte wurden auf Grund mangelnder Rentabilität immer mehr die ökonomischen Betriebe. Man überlebte hauptsächlich durch die Einzugsgelder neuer Gruppenmitglieder. Gleichzeitig fand am Friedrichshof eine "Arbeiterrevolution" statt, die die Gründung einer Art Gewerkschaft zur Folge hatte und mehr Kompetenz in Verwaltungsbelangen verlangte. Drahtzieher solcher Ereignisse war meistens Otto Muehl, der weiterhin die Richtung bestimmte und über die soziale Gerechtigkeit und die Solidarität der "Oberen" gegenüber den "Unteren" wachte. Die von ihm geleiteten Selbstdarstellungsabende, oft mit über hundert Teilnehmern, die sich von den "Krankheitsdarstellungen" entfernten und Themen aus der Kunst und der Philosophie aufgriffen, erlebten in dieser Zeit ihre Höhepunkte.
Bei dem im Herbst in Nürnberg stattfindenden "Puddingkongress" (das Treffen stand unter dem Zeichen der emotionellen Aufweichung) wurde beschlossen, die unrentablen internen Betriebe aufzugeben, und sich berufsmäßig wieder mehr nach außen zu orientieren. Die vielen Tränen, die während des Kongresses flossen, symbolisierten in Wahrheit die wirtschaftliche Depression in der Gruppe. Viele begannen wieder zu studieren und in "kleinfamiliären" Berufen zu arbeiten. Nicht nur Dauerwellen, elegante Kleidung und rote Tanzschuhe kamen in Mode, auch in anderen Bereichen entfernte sich der Geist der Kommune von seinen ursprünglichen Intentionen.
1978 wurde die Idee des Gemeinschaftseigentums verworfen und für einige Zeit Privateigentum eingeführt; auch in den Stadtgruppen. Gearbeitet wurde nun grundsätzlich gegen Entlohnung. Seinen Beitrag leistete man in festen Verbrauchssätzen. Die AAO wurde aufgelöst. Die Gruppen verwalteten sich wieder selbst. Der Friedrichshof wurde jedoch weiterhin unterstützt und lebte zum Großteil von den Einnahmen durch die Gästekurse und Einzeltherapien.
Der Ausbau am Friedrichshof ging trotz der schlechten ökonomischen Lage weiterhin ungebremst voran: Errichtung eines neuen Wohnhauses samt eigener Feuerwehr, Telefon, Sauna, Büros, Gesundheitsstation usw. Die gewonnenen Errungenschaften erforderten entropisch mehr Arbeitseinsatz. Die Selbstdarstellungsabende wurden zeitlich limitiert, gleichzeitig rief man ständig neue BAGs und Verwaltungsgremien ins Leben. Der Trend zu Studienabschlüssen und spezialisierten Ausbildungen hielt an und sollte die Basis des späteren ökonomischen Aufstiegs bilden. Höhepunkt dieser "Privateigentumsphase" war 1979 die Übersiedlung des 1. BAGs in das neue Wohnhaus, mit einem großen Atelier für Otto Muehl und komfortablen Zimmern für die oberen Frauen. Zu der Zeit gab es ungefähr dreißig Stadtkommunen in Europa, die nach dem Friedrichshofer Muster lebten und von Gruppenleitern betreut wurden.
Der Personenkult um Otto Muehl kulminierte, der den Kult gewähren ließ, weil er ihm Ausdruck einer positiven Gruppeneinstellung schien. "Otto" wurde zum Synonym für Lebendigkeit und Energie, und nichts bedeutete mehr Fortschritt in der eigenen Entwicklung als eine positive Einstellung zu "Otto". Nicht nur bei den um ihn zentrierten Spaziergängen mit dutzenden Leuten, die seine Nähe suchten, sondern auch in den "Trancedarstellungen", in denen es darum ging, seinen Anordnungen zu folgen, zeigte sich der Trend zur Idealisierung des Meisters, zum Zwecke der eigenen Selbsterhöhung. Es folgte die Einführung von "Gruppenpalavern", bei denen über die Beziehungen zwischen den Mitgliedern gesprochen wurde und in denen auch die gefürchteten Strukturwahlen stattfanden.
Ein Zivilisierungsprozess nahm seinen Lauf, der die Urhorde in eine Dorfgemeinschaft verwandelte, in der von der Kleiderbeschaffung bis zur biologischen Ernährung, von der Kinder– bis zur Gästebetreuung, von der Buchhaltung bis zur Empfängnisverhütung für alles und jeden gesorgt war. Mit den unerwartet hohen Einnahmen einiger Mitglieder durch den Verkauf von Bauherrenmodellen veränderte sich auch die prekäre wirtschaftliche Lage. Die letzten gruppeneigenen Handwerksbetriebe wurden aufgelöst. Die Übernahme einer Genossenschaft, "Gemeinschaftsbau", und die dadurch erfolgte Grundlage einer rechtlichen Basis, führte zu einer Wiedereinführung des Gemeinschaftseigentums. Nach wie vor fand eine intensive Außenarbeit statt. Bei "Wohnexperimenten" (WEX) zogen viele neue Mitglieder ein. In den Gruppen entwickelte sich ein reges kreatives Leben: Kinder– und Erwachsenentheater, Performanceauftritte, Vorträge, Feste, Filme, Einrichtung von Cafe–Theatern.
Am Friedrichshof wurden ab nun nicht nur die SD Abende, sondern auch die Mittagessen von Otto Muehl geleitet, in denen es neben der Besprechung gruppeninterner Themen oft auch zu Materialhappenings (den berüchtigten Joghurtschlachten) mit Besuchern und Mitgliedern kam. Abends fanden von Musik begleitete Video–Rollenspiele statt, sowie Material–Gruppendarstellungen mit farbigem Malerton und spontane Theaterstücke mit Masken. Am Anfang jeden Abends gab es Aktzeichenkurse; dieses Ritual wurde bis zum Ende der Kommune beibehalten. Otto Muehl kreierte die Kunstfigur des Joe Carner, eine Mischung aus besoffenem Outlaw und genialem Tänzer, in der er die Philosophie der freien Sexualität und die Bewältigung der Eifersucht thematisierte.
Die Situation mit den Kindern blieb lange ungelöst. Nach dem Einzug vieler Eltern mit Kindern, vorwiegend aus Frankreich, und auch den vermehrten Kinderwünschen von Kommunardinnen, wurde die Notwendigkeit einer Geburten– und Zuzugsregelung erkannt. Ein selbst verwaltetes Kinderhaus wurde errichtet, in dem die Kinder ohne Eltern mit Betreuern lebten. Es gab mehrere Kindergruppen, in denen ältere Kinder pädagogische Aufgaben übernahmen. 1980 kam es zur Eröffnung der Friedrichshofer Privatschule mit vier Schulklassen, der bald das Öffentlichkeitsrecht als private Volks– und Hauptschule zuerkannt wurde. Gleichzeitig entstand auch die erste Behindertengruppe, die sich rund um Muehls spastisch gelähmte Tochter Lili gruppierte.
Kernstück der Kommune blieb die freie Sexualität. Das Problem des nächtlichen Wechsels hatte sich inzwischen so gelöst, dass die Frauen ein festes Zimmer hatten, und die Männer jede Nacht wanderten, um sich eine Partnerin und somit einen Schlafplatz zu suchen. Die Verabredungen dafür wurden meistens schon einige Tage im Voraus getroffen, um nicht plötzlich ohne Bett dazustehen. Das Problem der Männer erleichterte sich insofern, als Frauenüberschuss herrschte, und sie oft geschickt lavieren mussten, um keine Frau zu kränken. Ein Zwang zur Verabredung bestand nicht. Wer keine Lust hatte, konnte jederzeit ablehnen. Schlecht angesehen war nur, wer sich zu oft mit demselben Partner verabredete. Es kam zur Einführung von Sexpalavern, in denen es darum ging, Erfahrungen auszutauschen und in der sexuellen Gestaltung lockerer zu werden. Man sprach über die Potenz und Impotenz der Männer, kritisierte das "mäuschenhafte" Verhalten der Frauen und ortete "Fixierungen". Eine Zweierbeziehung zu haben war ein schwerer Vorwurf. Dennoch konnte man der ständig neu entstehenden Paarbeziehungen nicht wirklich Herr werden. Viele, die ihre Beziehung nicht aufgeben wollten, hielten sie geheim oder verließen gemeinsam die Gruppe. Um sich gegen Sexualkrankheiten von außen zu schützen, wurden strenge Hygieneregeln eingeführt, deren Verstoß im schlimmsten Fall den Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeutete, was in Anbetracht des hereinbrechenden Aids–Zeitalters und einer ungeschützten Sexualität von hunderten Leuten als nicht übertrieben anzusehen ist.
1982 wurde die Kommuneführung erstmals durch geheime demokratische Wahl bestätigt. Aus dieser Wahl ging der Zwölferrat hervor, der ab nun als neues Leitungsgremium fungierte. Auch in den ausländischen Gruppen wurden derartige Gremien eingerichtet. An der Spitze stand unangefochten Otto Muehl. Entscheidend für die Stellung innerhalb der Gruppe blieb nach wie vor die Struktur, die im Lauf der nächsten Jahre zu einem strikt gehandhabten Instrument der Disziplinierung und der sozialen Kontrolle ausartete und die Gruppe in Privilegierte und Unterprivilegierte teilte, was zu übertriebenem Konkurrenzverhalten führte. Eine demokratische Bewegung, die "Vierer–Bande", versuchte unter Anleitung von Muehls späterer Ehefrau Claudia, die eingesessenen Entscheidungsstrukturen aufzubrechen, scheiterte jedoch und endete mit ihrer Absetzung als "erste Frau".
Auf Grund der andauernden Sektenhetze fand 1982 ein Ende der öffentlichen Kulturarbeit in den Gruppen statt und immer mehr Mitglieder begannen in Verkäuferjobs zu arbeiten. Am Friedrichshof wurde der Bau eines weiteren großen Wohnhauses vorangetrieben, in dem zukünftig die Gruppenmitglieder in einzelnen "Familien" leben sollten. Infolge der anhaltenden Vermassung war der Trend zu intimeren Kommunikationsstrukturen gefragt.
Die anarchistische Kommune entwickelte sich immer mehr zu einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft japanischen Stils. Im Sozialleben der Erwachsenen machte sich der schleichende Bedeutungsverlust der ursprünglichen Maxime am Auszug vieler alteingesessener Kommunemitglieder bemerkbar. Die Selbstdarstellung wandelte sich vom therapeutischen Instrument der Persönlichkeitsentwicklung zum unterhaltsamen Theater: Shows, experimentelle Musik, philosophische Rateabende, konzipierte Performances. Die existenzielle spontane SD wurde seltener. Einen gewichtigen Teil der Erwachsenenpädagogik nahmen die von Otto Muehl geleiteten Zeichen– und Malkurse ein, die weniger der Ausbildung zum Künstler, denn dem Erkennen der eigenen charakterlichen Unzulänglichkeit dienten.
1983 wurde wegen der immer vehementer werdenden Sektenvorwürfe und Angriffe aus den Medien die Aufnahme neuer Mitglieder rigoros gestoppt. Die Kommune schloss sich nach außen ab. Ein Grund dafür war auch das öffentliche Bekanntwerden und die um sich greifende Angst vor AIDS. Die Gruppe umfasste zu dieser Zeit über 600 Personen. Jedoch setzte bald eine Auszugswelle ein, die bis zum Ende anhielt und die Mitgliederanzahl etwa um die Hälfte schrumpfen ließ. Die Ursache lag zum Teil an der rigiden Anwendung der Struktur, die immer mehr jede Spontaneität und Aufrichtigkeit gegenüber den eigenen Gefühlen ausschloss, zum anderen an der Verhärtung der Ideologie, besonders was den Umgang mit Liebesbeziehungen betraf. Gleichzeitig fand ein wirtschaftlicher Aufschwung statt, der sowohl KommunardInnen als auch Außenstehende in Erstaunen versetzte. Die intensive berufliche Ausbildungsphase der letzten Jahre trug ihre Früchte, die sich im steigenden materiellen Komfort der Kommune niederschlugen. Durch Finanzierungs–, Aktien–, und Immobiliengeschäfte und eine geschickte Art des Telefonmarketings, wurden erstmals Überschüsse produziert.
Der Friedrichshof wuchs zum Kommunedorf. Der Ausbau des "Lili–Baus", einer Wohnhausanlage für etwa 150 Personen, sowie eines zentralen Heizhauses mit unterirdischen Kollektorgängen, wurde unter Mithilfe von polnischen Arbeitern und Spezialisten aus der Gruppe binnen kurzer Zeit fertig gestellt und leitete eine neue Ära des gesellschaftlichen Lebens am Friedrichshof ein. Die "Struktur" wirkte sich ab nun auch auf den materiellen Vorteil aus. Es kam zur Einführung von "Fehlleistungspalavern", die zu mehr gemeinsamer Verantwortung disziplinieren sollten, aber in denunziatorischen Auswüchsen endeten. Nicht nur die Erwachsenen spürten den Disziplinierungsdruck, auch in den Kindergruppen wurde die Struktur eingeführt. Gleichzeitig entwickelte sich der Friedrichshof zum exklusiven Ausbildungs– und Urlaubszentrum für die Geld verdienenden Stadtgruppen, die nach wie vor eher bescheiden lebten. Die Gruppen wurden zum Teil aufgelöst und zu Großkommunen zusammengefasst. Der Trend zur Zentralisierung zeigte sich auch in der Ablöse der Geschäftsführer in den Firmen durch Friedrichshofer Gruppenleiter.
Es fand ein stärkerer Bezug zur Kunst statt, was vor allem an der gesteigerten künstlerischen Aktivität Otto Muehls lag, der immer mehr zum Kunstpädagogen avancierte und in seiner eigenen methodischen Forschung mit Malerei, Aktion, Video, Tanz, Musik, die künstlerische Fahne gegenüber den ökonomischen Einbrüchen aufrecht hielt. Der Besuch von Joseph Beuys am Friedrichshof und die Beteiligung zahlreicher Kommunarden an seinen Projekten signalisierte eine Wiederaufnahme des Kontaktes zur Kunstszene. Ab nun war es gang und gebe, dass Künstler den Friedrichshof besuchten. "Kunst–Außenminister" wurde Theo Altenberg, auf dessen Initiative nicht nur die Einladungen an die Künstler erfolgten, sondern auch die Idee der Sammlung Wiener Aktionismus. Das "Kunstbüro" wurde zu einem festen Bestandteil der Gruppe. 1984 fand die Ausstellung "Brus–Muehl–Nitsch / Vom Informell zum Aktionismus" am Friedrichshof statt, bei der es sich nicht nur um die erste gemeinsame Ausstellung der drei Aktionisten, sondern auch um die erste Kunstausstellung in der Kommune handelte. In einer regelrechten Produktionswelle wurden zahlreiche Spielfilme gedreht, ("Vincent", "Picasso"). Der Friedrichshof entwickelte sich zu einem Treffpunkt für renommierte bildende Künstler und Galeristen, die als Schauspieler in diesen Filmen mitwirkten. Der Aufschwung machte den Friedrichshof nicht nur für Künstler attraktiv, sondern auch für betuchte Unternehmer und Politiker. Die Kommune war gesellschaftsfähig geworden. Neue Firmen wurden gegründet, und eine Unmenge von kulturpolitischen Projekten mit alternativen Gruppierungen initiiert.
Der Einzelne wurde bei dem Entwicklungstempo immer unwichtiger. Was zählte, war nur noch das "Ganze", die Gruppe, die Struktur, der Erfolg des Zusammenlebens. Die ökonomischen Sachzwänge, alleine schon durch die wachsende Anzahl der Kinder, öffnete den "Realos", den für Geld und Organisation zuständigen, Tür und Tor. Die Spannung zwischen den künstlerischen Aspekten der Führung und den wirtschaftlichen Interessen der tragenden Geldverdiener, von denen die Gruppe abhängig war, wurde immer größer. Die "Künstlerischen" kamen ins Hintertreffen und schlossen sich unter der Bedrohung ihres strukturellen Abstieges den "Realos" an. Immer mehr Gruppenmitglieder arbeiteten in den eigenen Firmen (Amsterdam, Zürich, Düsseldorf, Berlin, München), und bald gab es nur noch zwei dominierende Berufsgruppen: Verkäufer und Pädagogen.
Am Friedrichshof wurde ein eigener Rundfunksender installiert, in dem man für die 250 Bewohner ganztägig philosophische Vorträge sendete, wie überhaupt die Bildung ein wichtiger Bestandteil des Gruppenlebens zu werden begann. Eine Art Internatssituation entstand, vielleicht zum Teil bedingt durch die Auflösung der "Familien" (auf Grund der Konkurrenz zwischen den Familienchefinnen) bzw. auch durch die immer stärker werdenden Platzansprüche der Pädagogik. Eines der heikelsten Themen war die Integration der heranwachsenden Jugendlichen ("Teenies") in die freie Sexualität. Es war ein schwerer Fehler, sie diesen Weg nicht selbst entscheiden zu lassen und ihnen stattdessen das Korsett der Erwachsenenideologie aufzuzwingen. Die Integration endete mit ihrer Revolte.
Ab 1985 fand ein regelrechter "Babyboom" statt: Allein im Vorschulalter gab es mehrere Kindergruppen mit jeweils 6 – 8 Kindern. Der Aufstand gegen die Kleinfamilie drohte unter der Last ihrer zu versorgenden Kinder und der zu kurz gekommenen Bedürfnisse der Erwachsenen zu scheitern. Doch die Dynamik der Mitwirkenden ließ nicht nach, im Gegenteil: Ein gigantisches Wohnprojekt wurde begonnen, das "Castello", mit Großküche, riesigen Essräumen und einem Turm. Man kaufte neue Grundstücke an, pflanzte Bäume, errichtete einen Reitstall und einen Badesee. Um den Friedrichshof wurde eine Mauer gezogen. Die anfänglich egalitäre Gruppe spaltete sich in eine mit Verantwortung überhäufte Aristokratie und in die unteren Ränge, in denen es eher locker zuging. Die Abendgestaltung blieb immer die gleiche: Zeichnen, danach Selbstdarstellung und Tanz, anschließend BAGs.
Otto Muehl wurde im Juni 1985 sechzig Jahre alt, und sein Geburtstag wurde mit einem großen Fest gefeiert. Mit seiner Erfahrung und seinem Charisma blieb er unangefochtener Häuptling der Großkommune. Er mischte sich zwar nicht mehr in die Details ein, doch keine größere Weichenstellung erfolgte ohne seine Zustimmung. Sein Alltag war noch stärker geregelt als der der anderen. Beim Aufstehen wurde er bereits mit Problemen konfrontiert, und das zog sich hin bis zum Abend: Kinderpalaver, Mittagessen leiten, Empfang der Gruppenurlauber, Verkäufertrainings, Zeichenkurse, Nachmittagsunterricht mit den Schülern, öffentliche Märchenstunde für die Kinder, dann SD Abend und große Runde im 1.BAG. Zwischendurch malte er, ging in die Siebdruckwerkstätte und machte Fahrradtouren im Pulk der KommunardInnen. Seine Kommunikationsfähigkeit war seit den Anfangstagen die gleiche geblieben.
1986 heiratete Otto Claudia. Die plötzliche Selbstlegitimation einer Ehe an der Spitze stiftete in der Gruppe einige Verwirrung.
Der Kommune ging es mehr und mehr um die Erwirtschaftung größerer Profite, denn die Verwirklichung ihres aktionistischen Gesellschaftsentwurfes. Dennoch blieb der frühere Anspruch eines sozialutopischen Modells erhalten. Nachdem man Anfang 1986 auf der kanarischen Insel Gomera eine verlassene Bucht entdeckt hatte und kurz danach einige Mütter vor den Folgen der Tschernobyl–Katastrophe auf die Insel geflüchtet waren, wurde das Projekt näher ins Auge gefasst: "El Cabrito", eine ehemalige Landwirtschafts–Finca, die nicht mehr bewirtschaftet wurde. Aus den Firmenüberschüssen wurde die Bucht samt großem Landanteil angekauft. Auf ihr sollte das "Paradies des Südens" verwirklicht werden. Die Kommune zog um.
Diese neue utopische Phase erfolgte bereits unter dem Donnerknall der bevorstehenden Konfrontationen zwischen den verschiedenen Machtgruppierungen. Nicht alle waren mit dem Ankauf einverstanden. Doch der Jubel um das Abenteuer übertönte die Gegenstimmen. 1987 wurde "El Cabrito" zum Kinder–, Ferien– und Altersdomizil der Gruppe ausgebaut. Die Kommune wurde zu einem wichtigen Arbeitgeber auf der kleinen Insel, was den Argwohn der überwiegend katholischen Bevölkerung gegenüber der freien Liebe etwas minderte.
Die ersten Anzeichen des kommenden Untergangs zeichneten sowohl in der vermehrten Auszugswelle als auch der drohenden Verfolgung Otto Muehls durch die österreichischen Behörden ab. Nach dem Erscheinen zweier Artikel im Spiegel und im Stern, initiiert von ehemaligen Mitgliedern, die sich zur Aufgabe gesetzt hatten, ihn als Leiter zu stürzen, begannen die ersten Erhebungen in der "Strafsache Otto Mühl" wegen Beischlafs mit Unmündigen. Antreiber des Verfahrens war ein früheres Kommunemitglied in Zusammenarbeit mit einem protestantischen Sektenpfarrer. Muehl selbst rechtfertigte den "Initiationsakt" als pädagogische Maßnahme zur Integration der pubertierenden Mädchen in die freie Sexualität.
Um die Spannungen innerhalb der Gruppe in den Griff zu kriegen, inszenierte Otto Muehl ein Strukturspektakel, ironisch "Glasnost" genannt, in dem nicht auf der Linie befindliche Führungsmitglieder abgesetzt wurden, wodurch sich aber der Groll vieler gegen seinen Führungsstil nur noch verstärkte. In den Stadtgruppen schwand immer mehr die Bereitschaft, die Einschränkungen der eigenen Lebensführung zugunsten der zunehmend kostspieligen Projekte am Friedrichshof und in Gomera in Kauf zu nehmen.
In "El Cabrito", das bald von gut hundert KommunardInnen bewohnt und bewirtschaftet wurde, fanden derweil große Feste statt. Auf dem kommuneeigenen Transportschiff "Attila", benannt nach Muehls zu dieser Zeit geborenem Sohn, wurden ganze Ladungen von einheimischen Gästen nach "El Cabrito" gebracht, die nicht nur mit einer riesigen Festtafel, sondern auch mit gigantischen Malhappenings überrascht wurden. Muehl und der ihn umgebende "Adel" repräsentierten den kapitalistischen Erfolg der Kommune und nahmen die Devotionen der Gomerianer ob der vielen neu geschaffenen Arbeitsplätze entgegen.
Es herrschte ein vom Chef sanktioniertes "Matriarchat". In der ersten Riege der Kommune gab es kaum noch Männer. Claudia Muehl hatte seit der Heirat ihre Rolle als erste Frau gefestigt. Das "Herrenhaus" beherbergte die Führung, die "Bananenhalle" wurde zum Massenquartier für urlaubende KommunardInnen, deren materielle Ansprüche inzwischen gestiegen waren und dementsprechend auch die Kritik an den improvisierten Umständen, unter denen hauptsächlich "untere Mütter" mit ihren Kindern zu leiden hatten. Der Widerstand innerhalb der Gruppe wurde vor allem von neu entstandenen Paaren getragen, die sich untereinander über Missstände innerhalb der Gruppe austauschten und sich so zu einer neu erlebten Form der Unabhängigkeit von der Führung zusammenfanden.
Eine neu angefachte interne Demokratiebewegung betrieb 1989 die Abschaffung der Struktur, der Otto Muehl, unter dem Druck der Angriffe von außen, unwillig nachgab. Die Vorbehalte gegen Gleichberechtigung und Gewaltenteilung blieben. Als er einige Monate später wieder versuchte, die Struktur einzuführen, war seine Position jedoch bereits so geschwächt, dass er an den Widerständen, auch von jugendlichen Mitgliedern, scheiterte.
Hausdurchsuchungen am Friedrichshof, Beschlagnahmung von Archivmaterial, die vehemente Bedrohung durch die Staatsanwaltschaft, veränderte die stark auf seinen Leitungsstil zentrierte Dynamik der Gruppe. Die jahrelange Begeisterung begann in Kritik umzuschlagen. Der Schlussstein war ins Wackeln gekommen, das Gewölbe bekam Risse. Der Besuch von prominenten Künstlern, Kuratoren, Politikern konnte über den Wertezerfall innerhalb der Kommune nicht hinwegtäuschen. Viele sehnten sich wieder nach den traditionellen gesellschaftlichen Rollen: Vaterrolle, Mutterrolle, Berufsrolle, Geld verdienen und eine Familie gründen.
Der Höhepunkt des über die Kommune hinwegfegenden kapitalistischen Sturmes, der den Nachfolgeorganisationen eine riesige Finka auf den Kanaren, eine Wohnsiedlung im Burgenland und eine bedeutende Kunstsammlung hinterlassen sollte, war erreicht. Diskussionen über das Vermögenskonzept führten zur Gründung eines "Kooperationsrates", der unabhängig von der gewählten Führung die zukünftigen ökonomischen Belange bestimmen sollte. Ein Vertrag mit allen Mitgliedern ermöglichte, dass jeder zu gleichen Teilen an den Vermögenswerten der Gemeinschaft beteiligt sein sollte.
Otto Muehl entwickelte in der Zeit neue Methoden in der Malerei ("Sandwichbilder"), zeichnete, schrieb, drehte Spielfilme, erfand Märchen, griff die Idee der Gerümpelskulptur wieder auf, bemalte Kleiderstoffe für KommunardInnen, gab in Anwesenheit der ihm bereits schmollenden Mitglieder grollende Geräuschkonzerte und machte weiterhin mit den Gruppenurlaubern aus den Stadtkommunen Malkurse und Wanderungen über die gomerianischen Berge. Im Sommer 1989 verließ er auf Anraten seiner Anwälte "El Cabrito" und kehrte nach Österreich zurück.
Das Scheitern des Experiments war komplementär zu seinem vorangegangenen Erfolgserlebnis. Es erfolgte eine Revolution und Implosion des gesamten Systems. Die wirtschaftlichen Ressourcen begannen unter der Flut von Auszugsgeldern (an jeden Ausziehenden und auch frühere Mitglieder wurde eine Summe von etwa 30.000.– DM ausgezahlt), sowie einer Austrittswelle von Großverdienern zu schmelzen. Dennoch waren die Jahre 1988 bis 1990 –parallel zur allgemeinen Hochkonjunktur– die der höchsten Einnahmen, die die Kommune jemals hatte. Die Aktien–, Versicherungs– und Finanzierungsmärkte, an denen die StadtkommunardInnen ihr Geld verdienten, boomten und mit ihnen der Erfolg einiger Starverkäufer, die immer mehr Mitspracherecht bei den wichtigen Entscheidungen beanspruchten. Ihr erstes Veto fiel bei der Planung eines neuen architektonischen Großprojektes am Friedrichshof, dem Wohndorf "Castrum", mit dem Otto Muehl ein letztes Mal seine Macht als oberste Gestaltungsinstanz durchzusetzen versuchte. Die Idee wurde nicht verwirklicht. Von nun ab bestimmte in allen wichtigen Belangen der "Kooperationsrat". Eine öffentliche Diskussion über die Vermögenswerte beendete die bis jetzt hierarchisch geführte Verwaltung des Gemeinschaftseigentums.
Im April 1990 fand die erste öffentliche Generalversammlung der "Kooperation" statt, bei der in geheimer Abstimmung ein neuer Leiter für alle wirtschaftlichen und politischen Belange gewählt wurde. Otto Muehl hatte sich auf Grund der Vorerhebungen gegen ihn nicht mehr aufstellen lassen. Die ökonomische Dominanz hatte nun endgültig über die künstlerisch/pädagogische gesiegt. Zwei Genossenschaften verwalteten die Vermögenswerte, insbesondere den Immobilienbesitz am Friedrichshof und in Gomera, wie auch die Kunstsammlung. Eine Unzahl von Ausschüssen tagte. Unausgesprochen herrschte die Ansicht mancher Wirtschaftsleute, auf Grund der ständig wachsenden Kosten das Gemeinschaftseigentum in Privateigentum zu verwandeln.
Mitte des Jahres folgten die "Revolution" und der "Vatermord". In einer "Bürgerrevolte" wurden Otto Muehl und nahezu die gesamte Führungsschicht abgesetzt und durch einen Genossenschaftsvorstand ersetzt. Dass sich mit diesem Schritt kurze Zeit später gleich das ganze Experiment auflösen sollte, kam selbst für die Initiatoren des Aufstandes, dem auch mehrere Exkommunarden angehörten, überraschend. In "Vergangenheitspalavern" rechnete man mit der "alten Führung" ab. Um eine Einigung zwischen den Beteiligten herbeizuführen, wurden Wirtschafts– und Kunstexperten eingeladen, doch diese Versuche scheiterten und waren zugleich die letzten gemeinsamen Selbstdarstellungsabende.
Im August wurde eine neue Generalversammlung abgehalten, die zum Teil sehr emotionell ablief, und bei der die Kommune per Beschluss aufgelöst wurde. Wesentlichste Entscheidung war die Einführung des Privateigentums und die Überführung des Gemeinschaftseigentums in offizielle Strukturen. In einem bis dahin in Österreich beispielslosem Verfahren musste nun die Vaterschaft für viele Kinder geklärt werden. Auftretende Härtefälle sollten von einer kommuneeigenen Stiftung aufgefangen werden. Kurze Zeit danach wurden auch die Stadtgruppen als feste Verbände aufgelöst.
Auf dem Friedrichshof unternahm Otto Muehl den Versuch, in der "B–Familie" zumindest einen Teil der Kommuneidee vor dem Untergang zu retten. Mehrere Mitglieder der damaligen "B– Familie" bilden noch heute den Kern seiner Gruppe in Portugal. Im Juni 1991 wurde er verhaftet und wegen Beischlafs mit Minderjährigen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ein Großteil der KommunardInnen verließ den Friedrichshof. Dem Drängen vieler ehemaliger Mitglieder, "El Cabrito" zu verkaufen, konnte nur durch Intervention prominenter Persönlichkeiten aus der Kunstszene erfolgreich begegnet werden.
Der letzte große Versuch eines sozialutopischen Gesamtkunstwerkes, das alle Ebenen gesellschaftlicher Strukturen in sich enthalten sollte, war, zufällig oder nicht, parallel zu den kommunistischen Staatsideologien zusammengebrochen. Die bürgerliche Gesellschaft konnte zufrieden aufatmen. Für die Mitbeteiligten stellten sich danach eine Menge Fragen: Kann die Dekonstruktion bürgerlicher Werte ohne gleichzeitige kritische intellektuelle Reflexion funktionieren? Wäre es nicht besser gewesen, das Experiment auf eine kleine Gruppe beschränkt zu lassen und nicht in einen Eroberungsrausch zu verfallen, der alle Beteiligten, vor allem die Kinder überforderte?
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine zwanzig Jahre gelebte soziale Skulptur, in der das Verhältnis des Menschen zu Sexualität, Eigentum, Erziehung und Kultur in eine neue Wirklichkeit gesetzt wurde, eine Art "Land Verkehrtherum", in dem die Komplexität der psychischen Befindlichkeit nicht nur voyeuristisch sondern in direkter Erfahrung gelebt wurde. Eine kollektive Reise in die Urzeit und wieder zurück. Der Abgrund, der sich nach dem Ende für viele aufgetan hat, entsprach in seiner Intensität dem vorangegangenen Begeisterungsjubel.
Heute wird der Friedrichshof von der "FH Genossenschaft" als alternative Wohnsiedlung geführt, mit vorwiegend nachkommunardischen Bewohnern und dem Betrieb eines Seminarhotels und eines Landgasthauses. "El Cabrito" entwickelte sich zu einem exklusiven Urlaubsort für ein ökologisch anspruchsvolles Klientel. Otto Muehl lebt seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis mit mehreren ehemaligen Mitgliedern und Kindern nahe bei Faro in Südportugal und führt das Kommune–Experiment in kleinem Rahmen fort.
biographie
Karl Iro Goldblat
Geb. 1948 in Wien
1968 – 72: Akademie für angewandte Kunst in Wien
1972 – 90: Beteiligung am Kommuneexperiment Friedrichshof. Therapeut und Pädagoge, Gruppenleiter in verschiedenen europäischen Stadtkommunen. Videoperformances, Malaktionen und Filme.
Seit 1992: Maler und Schriftsteller, lebt seit 1995 in Wien
[1] deutscher text des nachworts der französischen neuausgabe der autobiographie
![]() | otto muehl sortir du bourbier autobiographie édition les presses du réel dijon 2001 |
[2] aus dem ausstellungskatalog
![]() | otto muehl leben / kunst / werk aktion utopie malerei 1960 – 2004 peter noever verlag walther könig köln 2004 |