INFO BIOGRAPHIE
AUSSTELLUNGEN PUBLIKATIONEN
archives otto muehl startseite
FILM ELECTRIC PAINTING
AKTIONISMUS MALEREI

die kommune

eine chronologie von karl iro goldblat [1]


1970 – 1972 praterstraße

1970 war Otto Muehl fünfundvierzig Jahre alt und nahm eine grundlegend kritische Haltung gegenüber der Kunst und der gesellschaftlichen Rolle des Künstlers ein. Der radikale Schritt weg von der Kunst zur alternativen Lebensform bedeutete nicht nur den Neuanfang seiner künstlerischen Existenz, sondern auch die Neugestaltung seines sozialen Lebens. Nachdem seine Ehe geschieden war, und engere Freunde der Einladung, eine Künstlerwohngemeinschaft zu gründen, nicht gefolgt waren, ließ Otto Muehl junge Leute, die eine Unterkunft brauchten, bei sich wohnen. Seine Wohnung in der Wiener Praterstraße verwandelte sich in ein Auffanglager für junge Künstler, Studenten und skurrile Existenzen am Rande der Gesellschaft. 1971 hatte sich ein fester Kern von etwa zehn Personen gebildet, die Gelegenheitsjobs nachgingen. (Modellstehen, Zettelverteilen etc.). Otto Muehl verdiente nach wie vor sein Geld durch Nachhilfestunden. Viele waren in der Nacht unterwegs und schliefen am Tag. Da kaum jemand ein Einkommen hatte, lebte die Gruppe von Wurstresten und dem, was gelegentlich gekocht wurde.

Bereits nach kurzer Zeit war die "Mühl–Kommune" ein fester Bestandteil der Diskussionen in der Wiener Anarcho– und Kunstszene, besonders nach den spektakulären Aktionen Muehls und einiger Mitaktionisten in Deutschland. (Köln, Braunschweig, Bremen). Obwohl die Warnung in Wien kursierte: "Wenn du dort hingehst, kommst du nicht mehr los", oder vielleicht gerade deswegen, wurden viele, vorwiegend aus dem Umkreis der linken Therapie– und Wohngemeinschaftsszene, Bohemiens und Freigeister aller Art, von der kleinen, experimentellen Gruppe angezogen. Otto Muehl war plötzlich eine Art Geheimtyp geworden. Und so entwickelte sich die kleine Wohngruppe innerhalb von zwei Jahren in eine nach außen selbstbewusst auftretende Gemeinschaft, deren Absicht es war, Kunst und Leben zu vereinen und in einem utopischen Soziallabor das Modell einer Gegengesellschaft zu verwirklichen.

Die Inhalte wurden von Muehl bereits 1970 im Zock Manifest formuliert: Radikale Befreiung der Sexualität aus den Fängen ihrer Klischees, Aufhebung der Trennung von öffentlich und privat, keine verschlossenen Klotüren, Ausstieg aus den bürgerlichen Berufsrollen, Überwindung der Kunst durch aktionistische Lebenspraxis in der Gruppe, Kultur selbst machen und nicht konsumieren. Kein Fernsehen, kein Kino, keine Kneipen, keine Theaterbesuche. Es hat keinen Sinn, die Gesellschaft zu verändern. Man muss eine eigene machen. Außerdem kann man die Gesellschaft nur verändern, wenn man zuerst sich selbst verändert, wenn man seine ganze Existenz in die Waagschale wirft, auf alle bürgerlichen Bequemlichkeiten verzichtet, und sich kritisch mit sich selbst auseinandersetzt.

Ende 1971 gründeten die beiden "Urschüler" Muehls aus der Aktionszeit, Herbert Stumpfl und Otmar Bauer, eigene Gruppen (Taborstraße und Postgasse), die zwar autonom, dennoch Ableger der Kommune Praterstraße waren. Insgesamt sollten am Ende des folgenden Jahres bereits über vierzig Leute in den drei Wiener Stadtgruppen leben, die längst den Rahmen einer großbürgerlichen Wohnung sprengten. Der Begriff "Mühl–Kommune" rief in Wien bald eine gewisse Ehrfurcht vor seinem real praktizierten Anarchismus hervor, der der Theoretisiererei der meisten anderen linken Strömungen entgegenstand, und wer die Kommune besuchte, musste damit rechnen, einer Situation ausgesetzt zu sein, deren Folgeerscheinungen für ihn unabwägbar waren. Die 120 m2 Wohnung in dem herabgekommenen Hinterhaus in der Praterstraße 32 war eine Art Elchtest für die eigene Authentizität und die emotionelle Lockerheit. Das Besondere an der Wohngemeinschaft war die Kreativität von Otto Muehl.

Im Juni 1972 begann Otto Muehl mit einigen KommunardInnen analytische Einzelsitzungen zu machen und parallel dazu Gruppenanalysen anzubieten, in denen es um die Befreiung von sexuellen Zwängen ging, und die als erste Schritte zur späteren Auflösung der Zweierbeziehung zu sehen sind. Die analytischen Sitzungen ergaben sich aus Muehls eigenen Erfahrungen mit der Psychoanalyse, insbesondere seiner Lehranalyse bei Josef Dvorak, der in den Anfangstagen der Kommune zu einem potentiellen Mitbewerber zählte, sich jedoch bald zu einem heftigen Konkurrenten und Feind entwickelte. Der Grund waren nicht nur Meinungsdifferenzen, sondern die Tatsache, dass Dvorak einen Großteil seiner Schüler, die Frühjahr 1972 geschlossen in die Praterstraße einzogen, an Muehl verloren hatte. Anfangs basierten die Analysen auf der klassischen Methode Freuds, entwickelten sich aber bald zu einer Körpertherapie, als deren Lehrmeister Wilhelm Reich zu sehen ist. Seine "Charakteranalyse" wurde zum Standardwerk der Kommuneliteratur. Zu dieser Zeit fanden auch mehrere Gruppenexperimente mit LSD statt, die jedes Mal zu unkontrollierten Durchbrüchen einiger Teilnehmer führten und deshalb wieder eingestellt wurden.  

Muehls Wohnung in der Praterstraße verwandelte sich in eine Urhöhle: Im Zentrum der Höhle befand sich ein aus groben Brettern gezimmertes Hochbett, auf dem die Gruppenmitglieder schliefen, darunter war ein begehbares Kleiderlager. Ein kleines Analysezimmer, schalldicht isoliert, mit einem zweimal zwei Meter großen braunen Materialbild an der Wand. Im straßenseitig gelegenen Zimmer gab es eine Sitzecke, in der die gemeinsame Kommunikation stattfand, rundum selbstgebaute Regale, alles sehr funktional. Am Tag strickten die Frauen bunte Pullover und nähten aus Fellen Jacken. Am Abend fanden in der Sitzecke spontan inszenierte Happenings statt. Unter dem Hochbett stand eine Kiste mit Socken, eine mit Unterhosen und eine mit Hemden und Leibchen, aus denen man jeden Morgen seine Kleidung zusammenfischte. Bunte Stoffe waren beliebt und pyjamaartige, weiche Flanellhemden, darüber eine Latzhose. Es kam die Idee auf, öffentlich Schnuller zu tragen, um zu demonstrieren: Wir haben uns aus der Erwachsenenwelt zurückgezogen.

Im Herbst 1972 wurde der Friedrichshof gekauft, ein ehemaliger Gutshof von Erzherzog Friedrich, inmitten der Parndorfer Heide gelegen, zehn Kilometer von der ungarischen Grenze und zehn Kilometer vom Neusiedlersee entfernt. Rundum kilometerweit nur Felder und der endlos weite Horizont der ungarischen Tiefebene. Vom ehemaligen Mustergutshof waren nur noch drei Gebäude übrig geblieben: der Getreideschüttkasten, der Wasserturm und das ehemalige Schulhaus, das den Anfangs vorwiegend an den Wochenenden stattfindenden Ausflügen der Stadtgruppen als Übernachtungsmöglichkeit diente. Das Wasser musste in Kanistern aus dem nahegelegenen Gols herangeschafft werden, drei vom Vorbesitzer übernommene tuberkulöse Hühner und ein kleiner Gemüsegarten waren der Beginn einer zukünftigen Landwirtschaft. Da kein Anschluss an das Stromnetz vorhanden war, fanden die Gemeinschaftsabende bei Petroleumlicht statt, geheizt wurde mit einem alten Bauernherd. 

Ende 1972 hatte sich die Gruppe zwar stark vergrößert, aber niemand wusste genau, was eine Gruppe überhaupt war, und welche Prinzipien eines Zusammenlebens den Bestand einer Gemeinschaft ermöglichen. Fast alle lebten in festen Zweierbeziehungen. Gleichzeitig fanden sich in der Praterstraße viele ein, die bei Otto Muehl Analyse machen wollten, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass er auch Leuten von außerhalb Analysestunden gibt. Der Gästetarif betrug vierzig Schilling, die Gruppenmitglieder zahlten nur dreißig. Mit den Analysen lichtete sich auch das Chaos innerhalb der Gruppe. Es lag in der Luft, die Zweierbeziehungen wenn schon nicht aufzulösen, doch zumindest aufzulockern. 

Ständig wurde gefilmt, gemalt, fotographiert, Siebdrucke hergestellt, Musik gemacht oder getanzt. Fast täglich kamen Besucher. Bis spät in die Nacht wurde diskutiert. Ende 1972 war die "Mühl–Kommune" die einzige Wiener Wohngemeinschaft mit Konzept: Die Mischung aus Psychoanalyse und Aktionismus, sowie dem zukunftsweisenden Modell einer gesellschaftlichen Alternative, verschafften der Kommune in der linken Szene innerhalb kurzer Zeit eine enorme Attraktivität.

1973 – 1975 aa kommune — friedrichshof

Im Frühjahr 1973, nach der Rückkehr von einer Aktionsveranstaltung in den Vereinigten Staaten, musste sich Otto Mühl mit der Tatsache abfinden, dass seine Freundin Elke, eine junge Studentin, ausgezogen war. Nach dem ersten Schock konfrontierte er die Gruppe mit der Entscheidung, keine Zweierbeziehung mehr einzugehen und dies auch allgemein durchsetzen zu wollen. Ausgehend davon, dass jede Liebesbeziehung projektiver Natur sei, also der ideale Partner, die große Liebe, unerfüllte Wünsche aus der Kindheit wären, sollten ab nun die sexuellen Beziehungen auf der Basis eines freien Begehrensmarktes stattfinden, wobei der Begriff "frei" insofern falsch ist, als die Sexualität innerhalb der Kommune eine sozial gebundene war und voraussetzte, sich auch für alle anderen Aktivitäten wie Arbeit, Kinder, Kommunikation, Selbstdarstellung zu verpflichten. Um die anfängliche Peinlichkeit, vor dem Schlafengehen jemanden für die Nacht zu wählen und womöglich abgelehnt zu werden, zu umgehen, wurden Spiele veranstaltet, wie "Who with Whom", ein selbstgebasteltes Quartettspiel, bei dem es darauf ankam, die Karten desjenigen zu vervollständigen, mit dem man gerne die Nacht verbringen wollte.

Im Juni rief Otto Mühl das Gemeinschaftseigentum aus. Was diese Einführung betrifft, waren alle einverstanden, da niemand Geld hatte. Als äußeres Zeichen der Veränderung schnitten sich die KommunardInnen die Haare ab, zuerst Millimeter kurz, dann eine Glatze. Dieser Schritt signalisierte auch einen Bruch mit der inzwischen unverbindlich gewordenen, weil gesellschaftlich akzeptierten, Subkultur der 60er Jahre. Modische Accessoires und Kosmetika waren sowieso von vornherein verpönt. Identität und Individualität sollten nicht durch Äußerlichkeiten gezeigt werden, sondern durch die schonungslose Entblößung der "kleinfamiliengeschädigten" Existenz: "Schön ist, was nicht beschönigt wird." 

Otto Muehl entwickelte unter dem Einfluss der Reichschen Schriften die Verbalanalyse weiter zur "Aktionsanalyse". Es wurde nicht mehr analysiert, was der Analysant erzählte, sondern was er tat. Der Analysant wurde zum Aktionisten. Die Kommunikation mit dem Therapeuten wurde zum Rollenspiel, in das aktionistische Elemente einflossen. Die Aktionsanalyse bedeutete einen Freiraum, sowohl die gesellschaftliche als auch kommuneinterne Anpassung zu durchbrechen, die Natur von der degenerierten Kultur, den spontanen Impuls vom Zwang zu befreien. Regression als Antwort auf die gesellschaftliche Repression. Auf allen vieren kriechen, Geburtserlebnisse, pränatale und postnatale Zustände erleben, Rückkehr zu archaischen Bewusstseinsformen. Otto Muehls Rolle entwickelte sich zu der eines Schamanen. Die allabendlichen Kommunikationshappenings in der Sitzecke waren eine existenzielle Auseinandersetzung mit den eigenen charakterlichen Unzulänglichkeiten. Die spontane Erfindung eines Gedichtes konnte Aufnahme in den Olymp, eine danebengegriffene Bemerkung den Absturz ins Nichts bedeuten.

Der Friedrichshof blieb weiterhin gemeinsamer Treffpunkt aller Gruppenmitglieder, die jedes Wochenende mit einem alten VW Bus und auf der Ladefläche eines Möbeltransporters ankamen. Ab Frühjahr 1973 lebten bereits einige Leute fest am Friedrichshof und betrieben in bescheidenem Maße Anbau von Gemüse und Mais, sowie die Haltung von Kleintieren. Es wurde ein Hochbett gebaut, ein Matratzenlager errichtet, ein Generator für die Stromversorgung angeschafft und der alte Brunnen für die Wasserversorgung wiederhergestellt. Das Geld für die Ausbauprojekte verdiente man neben den Gelegenheitsjobs nun auch durch eine Transportfirma und eine kleine Tischlereigruppe. Auch das Engagement einiger Gruppenmitglieder für den Film "Sweet Movie" von Dusan Makavejew brachte Geld ein, das sofort in den Friedrichshof investiert wurde. Bald übersiedelten immer mehr KommunardInnen hinunter ins Burgenland, und nach der Auflösung der beiden Stadtgruppen Nestroyplatz und Postgasse, – auf Grund von emotionellem Dauerstress, und deren Einzug in die Praterstraße, war die Kommune auf 50 Leute angewachsen. Viele Sozialfälle aus den Anfangstagen hatten die Gruppe wieder verlassen.

Ein neuer Name wurde gefunden: AA Kommune (Aktionsanalytische Kommune). Und die ersten Kinder kamen zur Welt. Einige Geburten fanden im Beisein aller Gruppenmitglieder statt. Zum Jahreswechsel gab es bereits eine Kindergruppe für sechs Kinder. Die Abende gestalteten sich immer mehr als künstlerische Gruppenveranstaltungen: gemeinsame Malaktionen, Tanzabende, und nach der Anschaffung einer Filmausrüstung auch die ersten Kommune–Aktionsfilme. Die Gruppe begann sich als therapeutisch/künstlerische Gemeinschaft zu verstehen, mit der Aufgabe, die durch die Kleinfamilie programmierten Mitglieder neu zu konditionieren, d.h. fähig, innerhalb der ständig wechselnden Gruppenprozesse mit den anderen kommunizieren zu können. Das Fallen in infantile Zustände war hoch bewertet.

Die Aktionsanalyse entwickelte sich weiter zur Selbstdarstellung (SD) vor der Gruppe. Angeregt durch die Filmvorführung eines Anthropologen, der einen Film über Pygmäen und ihre Behandlung von Wahnsinnigen zeigte, diente die kurze energetische Entladung inmitten der trommelnden Gruppenmitglieder für den Abbau von Spannungen. Ekstase als Erkenntnis und Bewusstsein bildendes Prinzip. Der Darsteller war nun nicht mehr abhängig vom Analytiker, sondern wurde selbst tätig. Der Analytiker wurde zum Publikum. Es ging in der Selbstdarstellung darum, seine Emotionen in Form eines Tanzes, einer Rede oder Gesanges spontan zum Ausdruck zu bringen; eine Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und den Grenzen ihrer Verwirklichung.

1975 nahm die Entwicklung der Kommune eine Wendung hin zu verstärkter Außenarbeit und Propaganda. Die Idee der Kommune sollte in die ganze Welt hinausgetragen werden, bis die ganze Welt zu einer einzigen Kommune mutiert, ohne Geld, Hunger und Kriege, in der alle durcheinanderficken und glücklich sind, eine Welt, in der Kinder ihre Bedürfnisse frei entfalten können, die weder Neurosen, noch Macht– und Besitzdenken kennt, und in der Zweierbeziehung und Ehe als vom Staat sanktionierte Krankheit gilt. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde durch den AA Verlag betrieben, der in den folgenden Jahren zahlreiche Publikationen veröffentlichte. 1974 war es bereits zur Herausgabe einer eigenen Kommunezeitung, "AA Nachrichten", gekommen, in der die neuen Ideen des Zusammenlebens nach außen getragen wurden, und die innerhalb der nächsten vier Jahre in jährlich vier bis sieben Auflagen erschien. Es wurde außerdem beschlossen, im Sommer einen Kommunelehrgang auf dem Friedrichshof abzuhalten, um auch Leuten von außerhalb Gelegenheit zu geben, das Gruppenleben kennenzulernen. In den AA Nachrichten rührte man dafür die Werbetrommel; Teile des Schüttkastens wurden für die zu erwartenden Gäste adaptiert. Anfang Juli trafen überraschend viele Teilnehmer ein, etwa 70, die danach den Kern der ersten deutschen und Schweizer AA Gruppen (Berlin und Genf) nach dem Vorbild des Friedrichshofes bildeten.

Während dieses ersten Gästekurses fand die Selbstdarstellung zu einer neuen Form, der Performance vor großem Publikum. Die Abende gestalteten sich zu unbeschreiblichen Festen: Emotionelle Slapsticks, Beziehungskonflikte als griechische Tragödien dargestellt, ekstatische Tänze, existenzielle Zusammenbrüche. Oft erst am Ende des Abends der erlösende Sprung in die Mitte. Otto Muehl war Schamane und Entertainer zugleich. Die Kunst fand ihren Stellenwert in ihrer kathartischen Funktion und der Lächerlichmachung von allem, was dem Bürger heilig ist: Ehe, Staat, Religion, eigenes Häuschen und eigene Küche. Als Künstler galt nicht der, der der das Diplom einer Kunsthochschule in der Tasche hat und in Galerien ausstellt, sondern der sich im Rahmen einer Gruppe existenziell mit sich selbst auseinandersetzt.

Wer sich als Besucher zum Friedrichshof wagte, war nicht nur mit der beängstigenden Abgeschiedenheit konfrontiert, sondern auch mit den seltsamen Ritualen der Kommunarden, die ihre Emotionen aus sich herausschrieen und auf symbolische Weise den Vater– und Muttermord praktizierten. Im Herbst evozierte ein Fernsehbericht über den Alltag der Kommune die tiefsten Ängste der Österreicher. Die gezeigten Darstellungen führten die Zuschauer an psychische Abgründe, die ihnen normalerweise verborgen waren. Der Ausstrahlung folgte ein Mobbing der Behörden gegen die Gruppe und binnen kürzester Zeit die Mobilmachung der Staatsgewalt. Im November 1975 kam es zu einer groß angelegten Razzia, bei der 60 Polizisten den Friedrichshof nach Rauschgift durchkämmten – und keines fanden.   

Inzwischen hatten sich viele Arbeitsgruppen gebildet, bei denen auch die Gäste halbtags mitmachten: Elektrik, Garten, Ausbau, Planung, Installation, Küche, Wäsche, Verlag, Tischlerei, Gästeorganisation. In Wien und Neusiedl wurden AA Magazine eröffnet, in denen amerikanische Latzhosen und Secondhand–Ware verkauft wurde. Ein Arbeitsorganisator koordinierte die Arbeitseinsätze, die dennoch so locker organisiert waren, dass zwischendurch Sex in allen Variationen stattfand.

Parallel zu den verschiedenen Strömungen der Alternativbewegung formierte sich im nördlichen Burgenland eine Stammesgesellschaft, die mehr den Gesetzen einer Pavianhorde, als den emanzipatorischen Bewegungen seiner Zeit gehorchte. So ging die aufstrebende Schwulenbewegung an der ausschließlich heterosexuell orientierten Sexualmentalität der KommunardInnen vorbei, denen es nicht um Emanzipation, sondern um Evolution ging. Homosexualität galt als "infantile Schädigung". Der ideologische Wurm, der sich später in der Gruppe festsetzen sollte: "Das Ganze ist wichtiger als das Einzelne", mischte hier bereits im Höhenflug der Revolution mit. Während die Gruppe die Utopie einer zukünftigen Welt–Kommune–Gesellschaft (WCO) entwarf, kämpfte der Einzelne in einer Welt, die für ihn wie von einem anderen Stern war, um seine Identität.

1976 – 1978 aao — aktionsanalytische organisation

Die folgenden Jahre waren die der Expansion. Auf Grund der Kommunelehrgänge zogen immer mehr Leute ein, und die Gemeinschaft vergrößerte sich innerhalb von vier Jahren von fünfzig auf zirka fünfhundert Mitglieder. Am Höhepunkt der Expansion, Anfang der Achtziger Jahre, sollten insgesamt 650 Kommunarden am Friedrichshof und in den europäischen Stadtgruppen leben. Tausende andere waren für kurze Zeit eingezogen und wieder abgereist: ganze Horden deutscher Spontis, französische Bergkommunen, skandinavische Therapiegruppen, Einzelgänger, die ihr psychisches Heil suchten und fixierte Paare, die einander loswerden wollten. Zum Teil beruhte dieser vehemente Zuzug auf dem Einsatz einiger KommunardInnen, ein eigenes Team arbeitete in der so genannten BV = Bewusstseinsverbreitung – eine Arbeitsgruppe, die für die Verbreitung der Ideen zuständig war – zum Großteil aber auf der Anziehungskraft, die Otto Muehls aktionistischer Kommunikationsstil und sein offen praktizierter Hedonismus auf die Besucher ausübte. Er faszinierte sein Publikum, indem er unbewusste Rollenmechanismen sichtbar machte und Aggressionen und Ängste im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auflöste. In diesen Jahren wuchs der Friedrichshof zu einem Kaderzentrum, in dem Kunst und Realität eine Einheit waren, und eine linke Praxis gelebt wurde, die in den Siebzigerjahren ihresgleichen suchen konnte.

Anfang 1976 fand der erste AA Kongress statt, bei dem gewählte Mitglieder aus den neu gegründeten Stadtgruppen wie auch des Friedrichshofes zusammentrafen, und bei dem das internationale Gemeinschaftseigentum, die internationale freie Sexualität und gemeinsame Arbeit und Produktion beschlossen wurden. Im Zentrum des Kongresses standen die oft nächtelangen Selbstdarstellungen, die sich in dieser Zeit auch zu Gruppendarstellungen entwickelten. Von nun an nannte sich die Kommune AAO: Aktions Analytische Organisation. Es folgte eine intensive Phase von Vortragsreisen durch Europa und in die USA, auf Grund derer sich weitere Stadtgruppen in Paris, München, Kiel, Hamburg, Bremen, Heidelberg, Krefeld, Frankfurt, und sogar für einige Zeit in Boston bildeten. Während der Vortragsreisen kam es immer wieder zu Saalschlachten, wenn radikale linke Gruppen, denen der Stil der AAO als reaktionär erschien, die Veranstaltungen stürmten.

Im Frühjahr 1976 stellte Otto Muehl die Entwicklung der Aktionsanalyse/Selbstdarstellung  in der "AA–Parabel" dar, und manifestierte die grundlegenden sozialen Regelungen der Gruppe in den "AA–Prinzipien". Auf Grund der 12 Parabelstufen, die den Verlauf der Aktionsanalyse darstellten, fand eines Abends eine gewählte Reihung aller Anwesenden statt, entsprechend der emotionellen Stufe, auf der sie sich in der Analyse gerade befanden. Dies war der Grundstein für die spätere "Struktur", die hierarchische Reihung aller Mitglieder, die, ähnlich wie in einer Schule, eine Art Leistungsklasse für den sozialen Bewusstseinsstand des einzelnen bedeutete. Die Leute auf den höchsten Stufen gehörten automatisch der Führung an. Der sich immer mehr erweiternde Kunstbegriff verdichtete sich fortan zum sozial– und kunstpädagogischen Environment. 

Dieses Jahr war auch geprägt von internen Veränderungen. Die Frauen demonstrierten bei den Selbstdarstellungsabenden auf aktionistische Weise gegen die Machtdominanz der Männer und gründeten die Frauenforderung (FF). Diese von Otto Muehl in Gang gesetzte Aktion veränderte tatsächlich die Entscheidungsstrukturen der Kommune und hatte auch die Gründung einer Männergruppe (MM), Mittelstandsgruppe (MISTASCH) und Proletariergruppe (PROPOT) zur Folge, die sich aber nicht lange hielten. Ab nun waren Frauen in den dominanten Positionen der Gruppe vertreten.

In diesem extrem heißen Sommer wurde die "Materialselbstdarstellung" ins Leben gerufen. Otto Muehl, der inzwischen auch zu malen begonnen hatte, griff sein Thema aus dem Aktionismus wieder auf und kreierte eine neue Art von Aktionstheater, eine Verbindung von Materialaktion und Aktionsanalyse. Auch andere aktionistische Elemente flossen in die Selbstdarstellung ein: psychomotorische Geräuschaktionen, Atem– und Schreiaktionen, musikalische und gestische Elemente, inszeniertes und spontanes Theater. Worum es nach wie vor ging, war Identität und Energie.

Ende des Jahres wurden erstmals Gruppenleiter in die verschiedenen Gruppen gesandt, von denen erwartet wurde, dass sie auf Grund ihrer Erfahrungen mit den Schwierigkeiten des Zusammenlebens umgehen konnten und das Gedankengut der Basisgruppe weiterverbreiteten. Die Tätigkeit des Gruppenleiters entwickelte sich in der Folge zu einem regelrechten Beruf. Gleichzeitig machten die erhöhten organisatorischen Anforderungen die Einführung eines Vorstandes samt Finanzverwaltung, Buchhaltung und zentraler Organisation notwendig. In den Gruppen wurden GmbHs gegründet. Die Firmen wurden als Gemeinschaftsbetriebe geführt.

1977 entstanden neue Gruppen in Toulouse, Lyon, Oslo, London, Nürnberg, Amsterdam, Düsseldorf und Wien. Ein internationales Organisationsbüro wurde ins Leben gerufen und die Regelung des internen Geldverkehrs zwischen den Gruppen und dem Friedrichshof eingeführt. Ein Teil der Evolution fand ab nun nicht mehr nur auf künstlerisch/therapeutischem Gebiet statt, sondern auch auf dem der Organisation und der Verwaltung, die immer mehr Platz in den gemeinsamen Gruppenveranstaltungen einnahm. Grund dafür war nicht nur die Bewältigung der rasant anwachsenden Probleme mit dem Gemeinschaftseigentum, sondern auch die wachsende soziale Verantwortung gegenüber den Kindern. Inzwischen gab es eine große Kindergruppe, nach Alter gestaffelt. Die "Pädagogik" nahm eine gewichtige Stellung innerhalb der Kommune ein.

Arbeitete man früher abwechselnd in jeder Arbeitgruppe, so gab es nun eine feste Verlags–, Werkstatt–, Mediziner–, Müttergruppe, usw. Aus eigener Hand wurde eine Kläranlage errichtet, Zentralheizungen installiert und der Schüttkasten ganz als Gästeunterkunft ausgebaut. Eine Gesundheitsstation und eine Näherei entstanden. Neben den Selbstdarstellungen wurden "Realitätsabende" eingeführt, um den Mitgliedern einen Überblick über die Entwicklung zu vermitteln. Gleichzeitig wurden BAGs (Bewusstseinsarbeitsgruppen) gegründet: Hierarchisch geordnete Kleingruppen von etwa 10 Personen, in denen durch direkte Abstimmung die Binnen–Rangordnung festgelegt wurde, wobei die Möglichkeit bestand, in höhere BAGs aufzusteigen, bzw. auch umgekehrt. Der 1. BAG mit Otto Muehl an der Spitze hatte die gesamte therapeutische, pädagogische und ökonomische Leitung über. Neben dieser "bewusstseinsmäßigen" Hauptstruktur bildeten sich Öko–Bags, Mütter–Bags, Ausbildungs–Bags, und andere Untergruppierungen, in denen eine ständige Schulung und Professionalisierung stattfand und die den Differenzierungsprozess der Kommune sichtbar machten.

Der Bekanntheitsgrad der Kommune wurde durch die ständigen Vortragstourneen und Medienberichte enorm gesteigert, was das Jahr 1977 auch zu dem der höchsten Zuwachsrate machte. Die  "Bewusstseinskurse" auf dem Friedrichshof waren zu einem Renner innerhalb der linken Szene geworden und leiteten gleichzeitig den Beginn der "Sektenjagd" auf die Kommune ein, die sich von nun an mit diesem Vorwurf konfrontiert sah. Den politischen Kontakten tat dies keinen Abbruch: Im Sommer empfing der damalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky eine Delegation der Kommune, die bei linken Politikern nach wie vor den Ruf eines radikal gelebten Sozialismus genoss. Krisenpunkte wurden auf Grund mangelnder Rentabilität immer mehr die ökonomischen Betriebe. Man überlebte hauptsächlich durch die Einzugsgelder neuer Gruppenmitglieder. Gleichzeitig fand am Friedrichshof eine "Arbeiterrevolution" statt, die die Gründung einer Art Gewerkschaft zur Folge hatte und mehr Kompetenz in Verwaltungsbelangen verlangte. Drahtzieher solcher Ereignisse war meistens Otto Muehl, der weiterhin die Richtung bestimmte und über die soziale Gerechtigkeit und die Solidarität der "Oberen" gegenüber den "Unteren" wachte. Die von ihm geleiteten Selbstdarstellungsabende, oft mit über hundert Teilnehmern, die sich von den "Krankheitsdarstellungen" entfernten und Themen aus der Kunst und der Philosophie aufgriffen, erlebten in dieser Zeit ihre Höhepunkte.

Bei dem im Herbst in Nürnberg stattfindenden "Puddingkongress" (das Treffen stand unter dem Zeichen der emotionellen Aufweichung) wurde beschlossen, die unrentablen internen Betriebe aufzugeben, und sich berufsmäßig wieder mehr nach außen zu orientieren. Die vielen Tränen, die während des Kongresses flossen, symbolisierten in Wahrheit die wirtschaftliche Depression in der Gruppe. Viele begannen wieder zu studieren und in "kleinfamiliären" Berufen zu arbeiten. Nicht nur Dauerwellen, elegante Kleidung und rote Tanzschuhe kamen in Mode, auch in anderen Bereichen entfernte sich der Geist der Kommune von seinen ursprünglichen Intentionen.

1978 wurde die Idee des Gemeinschaftseigentums verworfen und für einige Zeit Privateigentum eingeführt; auch in den Stadtgruppen. Gearbeitet wurde nun grundsätzlich gegen Entlohnung. Seinen Beitrag leistete man in festen Verbrauchssätzen. Die AAO wurde aufgelöst. Die Gruppen verwalteten sich wieder selbst. Der Friedrichshof wurde jedoch weiterhin unterstützt und lebte zum Großteil von den Einnahmen durch die Gästekurse und Einzeltherapien.

1979 – 1982 anpassung an die gesellschaft

Der Ausbau am Friedrichshof ging trotz der schlechten ökonomischen Lage weiterhin ungebremst voran: Errichtung eines neuen Wohnhauses samt eigener Feuerwehr, Telefon, Sauna, Büros, Gesundheitsstation usw. Die gewonnenen Errungenschaften erforderten entropisch mehr Arbeitseinsatz. Die Selbstdarstellungsabende wurden zeitlich limitiert, gleichzeitig rief man ständig neue BAGs und Verwaltungsgremien ins Leben. Der Trend zu Studienabschlüssen und spezialisierten Ausbildungen hielt an und sollte die Basis des späteren ökonomischen Aufstiegs bilden. Höhepunkt dieser "Privateigentumsphase" war 1979 die Übersiedlung des 1. BAGs in das neue Wohnhaus, mit einem großen Atelier für Otto Muehl und komfortablen Zimmern für die oberen Frauen. Zu der Zeit gab es ungefähr dreißig Stadtkommunen in Europa, die nach dem Friedrichshofer Muster lebten und von Gruppenleitern betreut wurden.

Der Personenkult um Otto Muehl kulminierte, der den Kult gewähren ließ, weil er ihm Ausdruck einer positiven Gruppeneinstellung schien. "Otto" wurde zum Synonym für Lebendigkeit und Energie, und nichts bedeutete mehr Fortschritt in der eigenen Entwicklung als eine positive Einstellung zu "Otto". Nicht nur bei den um ihn zentrierten Spaziergängen mit dutzenden Leuten, die seine Nähe suchten, sondern auch in den "Trancedarstellungen", in denen es darum ging, seinen Anordnungen zu folgen, zeigte sich der Trend zur Idealisierung des Meisters, zum Zwecke der eigenen Selbsterhöhung. Es folgte die Einführung von "Gruppenpalavern", bei denen über die Beziehungen zwischen den Mitgliedern gesprochen wurde und in denen auch die gefürchteten Strukturwahlen stattfanden.

Ein Zivilisierungsprozess nahm seinen Lauf, der die Urhorde in eine Dorfgemeinschaft verwandelte, in der von der Kleiderbeschaffung bis zur biologischen Ernährung, von der Kinder– bis zur Gästebetreuung, von der Buchhaltung bis zur Empfängnisverhütung für alles und jeden gesorgt war. Mit den unerwartet hohen Einnahmen einiger Mitglieder durch den Verkauf von Bauherrenmodellen veränderte sich auch die prekäre wirtschaftliche Lage. Die letzten gruppeneigenen Handwerksbetriebe wurden aufgelöst. Die Übernahme einer Genossenschaft, "Gemeinschaftsbau", und die dadurch erfolgte Grundlage einer rechtlichen Basis, führte zu einer Wiedereinführung des Gemeinschaftseigentums. Nach wie vor fand eine intensive Außenarbeit statt. Bei "Wohnexperimenten" (WEX) zogen viele neue Mitglieder ein. In den Gruppen entwickelte sich ein reges kreatives Leben: Kinder– und Erwachsenentheater, Performanceauftritte, Vorträge, Feste, Filme, Einrichtung von Cafe–Theatern.

Am Friedrichshof wurden ab nun nicht nur die SD Abende, sondern auch die Mittagessen von Otto Muehl geleitet, in denen es neben der Besprechung gruppeninterner Themen oft auch zu Materialhappenings (den berüchtigten Joghurtschlachten) mit Besuchern und Mitgliedern kam. Abends fanden von Musik begleitete Video–Rollenspiele statt, sowie Material–Gruppendarstellungen mit farbigem Malerton und spontane Theaterstücke mit Masken. Am Anfang jeden Abends gab es Aktzeichenkurse; dieses Ritual wurde bis zum Ende der Kommune beibehalten. Otto Muehl kreierte die Kunstfigur des Joe Carner, eine Mischung aus besoffenem Outlaw und genialem Tänzer, in der er die Philosophie der freien Sexualität und die Bewältigung der Eifersucht thematisierte.  

Die Situation mit den Kindern blieb lange ungelöst. Nach dem Einzug vieler Eltern mit Kindern, vorwiegend aus Frankreich, und auch den vermehrten Kinderwünschen von Kommunardinnen, wurde die Notwendigkeit einer Geburten– und Zuzugsregelung erkannt. Ein selbst verwaltetes Kinderhaus wurde errichtet, in dem die Kinder ohne Eltern mit Betreuern lebten. Es gab mehrere Kindergruppen, in denen ältere Kinder pädagogische Aufgaben übernahmen. 1980 kam es zur Eröffnung der Friedrichshofer Privatschule mit vier Schulklassen, der bald das Öffentlichkeitsrecht als private Volks– und Hauptschule zuerkannt wurde. Gleichzeitig entstand auch die erste Behindertengruppe, die sich rund um Muehls spastisch gelähmte Tochter Lili gruppierte.

Kernstück der Kommune blieb die freie Sexualität. Das Problem des nächtlichen Wechsels hatte sich inzwischen so gelöst, dass die Frauen ein festes Zimmer hatten, und die Männer jede Nacht wanderten, um sich eine Partnerin und somit einen Schlafplatz zu suchen. Die Verabredungen dafür wurden meistens schon einige Tage im Voraus getroffen, um nicht plötzlich ohne Bett dazustehen. Das Problem der Männer erleichterte sich insofern, als Frauenüberschuss herrschte, und sie oft geschickt lavieren mussten, um keine Frau zu kränken. Ein Zwang zur Verabredung bestand nicht. Wer keine Lust hatte, konnte jederzeit ablehnen. Schlecht angesehen war nur, wer sich zu oft mit demselben Partner verabredete. Es kam zur Einführung von Sexpalavern, in denen es darum ging, Erfahrungen auszutauschen und in der sexuellen Gestaltung lockerer zu werden. Man sprach über die Potenz und Impotenz der Männer, kritisierte das "mäuschenhafte" Verhalten der Frauen und ortete "Fixierungen". Eine Zweierbeziehung zu haben war ein schwerer Vorwurf. Dennoch konnte man der ständig neu entstehenden Paarbeziehungen nicht wirklich Herr werden. Viele, die ihre Beziehung nicht aufgeben wollten, hielten sie geheim oder verließen gemeinsam die Gruppe. Um sich gegen Sexualkrankheiten von außen zu schützen, wurden strenge Hygieneregeln eingeführt, deren Verstoß im schlimmsten Fall den Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeutete, was in Anbetracht des hereinbrechenden Aids–Zeitalters und einer ungeschützten Sexualität von hunderten Leuten als nicht übertrieben anzusehen ist.

1982 wurde die Kommuneführung erstmals durch geheime demokratische Wahl bestätigt. Aus dieser Wahl ging der Zwölferrat hervor, der ab nun als neues Leitungsgremium fungierte. Auch in den ausländischen Gruppen wurden derartige Gremien eingerichtet. An der Spitze stand unangefochten Otto Muehl. Entscheidend für die Stellung innerhalb der Gruppe blieb nach wie vor die Struktur, die im Lauf der nächsten Jahre zu einem strikt gehandhabten Instrument der Disziplinierung und der sozialen Kontrolle ausartete und die Gruppe in Privilegierte und Unterprivilegierte teilte, was zu übertriebenem Konkurrenzverhalten führte. Eine demokratische Bewegung, die "Vierer–Bande", versuchte unter Anleitung von Muehls späterer Ehefrau Claudia, die eingesessenen Entscheidungsstrukturen aufzubrechen, scheiterte jedoch und endete mit ihrer Absetzung als "erste Frau".

Auf Grund der andauernden Sektenhetze fand 1982 ein Ende der öffentlichen Kulturarbeit in den Gruppen statt und immer mehr Mitglieder begannen in Verkäuferjobs zu arbeiten. Am Friedrichshof wurde der Bau eines weiteren großen Wohnhauses vorangetrieben, in dem zukünftig die Gruppenmitglieder in einzelnen "Familien" leben sollten. Infolge der anhaltenden Vermassung war der Trend zu intimeren Kommunikationsstrukturen gefragt.

Die anarchistische Kommune entwickelte sich immer mehr zu einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft japanischen Stils. Im Sozialleben der Erwachsenen machte sich der schleichende Bedeutungsverlust der ursprünglichen Maxime am Auszug vieler alteingesessener Kommunemitglieder bemerkbar. Die Selbstdarstellung wandelte sich vom therapeutischen Instrument der Persönlichkeitsentwicklung zum unterhaltsamen Theater: Shows, experimentelle Musik, philosophische Rateabende, konzipierte Performances. Die existenzielle spontane SD wurde seltener. Einen gewichtigen Teil der Erwachsenenpädagogik nahmen die von Otto Muehl geleiteten Zeichen– und Malkurse ein, die weniger der Ausbildung zum Künstler, denn dem Erkennen der eigenen charakterlichen Unzulänglichkeit dienten.

1983 – 1986 ökonomischer aufstieg

1983 wurde wegen der immer vehementer werdenden Sektenvorwürfe und Angriffe aus den Medien die Aufnahme neuer Mitglieder rigoros gestoppt. Die Kommune schloss sich nach außen ab. Ein Grund dafür war auch das öffentliche Bekanntwerden und die um sich greifende Angst vor AIDS. Die Gruppe umfasste zu dieser Zeit über 600 Personen. Jedoch setzte bald eine Auszugswelle ein, die bis zum Ende anhielt und die Mitgliederanzahl etwa um die Hälfte schrumpfen ließ. Die Ursache lag zum Teil an der rigiden Anwendung der Struktur, die immer mehr jede Spontaneität und Aufrichtigkeit gegenüber den eigenen Gefühlen ausschloss, zum anderen an der Verhärtung der Ideologie, besonders was den Umgang mit Liebesbeziehungen betraf. Gleichzeitig fand ein wirtschaftlicher Aufschwung statt, der sowohl KommunardInnen als auch Außenstehende in Erstaunen versetzte. Die intensive berufliche Ausbildungsphase der letzten Jahre trug ihre Früchte, die sich im steigenden materiellen Komfort der Kommune niederschlugen. Durch Finanzierungs–, Aktien–, und Immobiliengeschäfte und eine geschickte Art des Telefonmarketings, wurden erstmals Überschüsse produziert.

Der Friedrichshof wuchs zum Kommunedorf. Der Ausbau des "Lili–Baus", einer Wohnhausanlage für etwa 150 Personen, sowie eines zentralen Heizhauses mit unterirdischen Kollektorgängen, wurde unter Mithilfe von polnischen Arbeitern und Spezialisten aus der Gruppe binnen kurzer Zeit fertig gestellt und leitete eine neue Ära des gesellschaftlichen Lebens am Friedrichshof ein. Die "Struktur" wirkte sich ab nun auch auf den materiellen Vorteil aus. Es kam zur Einführung von "Fehlleistungspalavern", die zu mehr gemeinsamer Verantwortung disziplinieren sollten, aber in denunziatorischen Auswüchsen endeten. Nicht nur die Erwachsenen spürten den Disziplinierungsdruck, auch in den Kindergruppen wurde die Struktur eingeführt. Gleichzeitig entwickelte sich der Friedrichshof zum exklusiven Ausbildungs– und Urlaubszentrum für die Geld verdienenden Stadtgruppen, die nach wie vor eher bescheiden lebten. Die Gruppen wurden zum Teil aufgelöst und zu Großkommunen zusammengefasst. Der Trend zur Zentralisierung zeigte sich auch in der Ablöse der Geschäftsführer in den Firmen durch Friedrichshofer Gruppenleiter.

Es fand ein stärkerer Bezug zur Kunst statt, was vor allem an der gesteigerten künstlerischen Aktivität Otto Muehls lag, der immer mehr zum Kunstpädagogen avancierte und in seiner eigenen methodischen Forschung mit Malerei, Aktion, Video, Tanz, Musik, die künstlerische Fahne gegenüber den ökonomischen Einbrüchen aufrecht hielt. Der Besuch von Joseph Beuys am Friedrichshof und die Beteiligung zahlreicher Kommunarden an seinen Projekten signalisierte eine Wiederaufnahme des Kontaktes zur Kunstszene. Ab nun war es gang und gebe, dass Künstler den Friedrichshof besuchten. "Kunst–Außenminister" wurde Theo Altenberg, auf dessen Initiative nicht nur die Einladungen an die Künstler erfolgten, sondern auch die Idee der Sammlung Wiener Aktionismus. Das "Kunstbüro" wurde zu einem festen Bestandteil der Gruppe. 1984 fand die Ausstellung "Brus–Muehl–Nitsch / Vom Informell zum Aktionismus" am Friedrichshof statt, bei der es sich nicht nur um die erste gemeinsame Ausstellung der drei Aktionisten, sondern auch um die erste Kunstausstellung in der Kommune handelte. In einer regelrechten Produktionswelle wurden zahlreiche Spielfilme gedreht, ("Vincent", "Picasso"). Der Friedrichshof entwickelte sich zu einem Treffpunkt für renommierte bildende Künstler und Galeristen, die als Schauspieler in diesen Filmen mitwirkten. Der Aufschwung machte den Friedrichshof nicht nur für Künstler attraktiv, sondern auch für betuchte Unternehmer und Politiker. Die Kommune war gesellschaftsfähig geworden.  Neue Firmen wurden gegründet, und eine Unmenge von kulturpolitischen Projekten mit alternativen Gruppierungen initiiert.

Der Einzelne wurde bei dem Entwicklungstempo immer unwichtiger. Was zählte, war nur noch das "Ganze", die Gruppe, die Struktur, der Erfolg des Zusammenlebens. Die ökonomischen Sachzwänge, alleine schon durch die wachsende Anzahl der Kinder, öffnete den "Realos", den für Geld und Organisation zuständigen, Tür und Tor. Die Spannung zwischen den künstlerischen Aspekten der Führung und den wirtschaftlichen Interessen der tragenden Geldverdiener, von denen die Gruppe abhängig war, wurde immer größer. Die "Künstlerischen" kamen ins Hintertreffen und schlossen sich unter der Bedrohung ihres strukturellen Abstieges den "Realos" an. Immer mehr Gruppenmitglieder arbeiteten in den eigenen Firmen (Amsterdam, Zürich, Düsseldorf, Berlin, München), und bald gab es nur noch zwei dominierende Berufsgruppen: Verkäufer und Pädagogen. 

Am Friedrichshof wurde ein eigener Rundfunksender installiert, in dem man für die 250 Bewohner ganztägig philosophische Vorträge sendete, wie überhaupt die Bildung ein wichtiger Bestandteil des Gruppenlebens zu werden begann. Eine Art Internatssituation entstand, vielleicht zum Teil bedingt durch die Auflösung der "Familien" (auf Grund der Konkurrenz zwischen den Familienchefinnen) bzw. auch durch die immer stärker werdenden Platzansprüche der Pädagogik. Eines der heikelsten Themen war die Integration der heranwachsenden Jugendlichen ("Teenies") in die freie Sexualität. Es war ein schwerer Fehler, sie diesen Weg nicht selbst entscheiden zu lassen und ihnen stattdessen das Korsett der Erwachsenenideologie aufzuzwingen. Die Integration endete mit ihrer Revolte.

Ab 1985 fand ein regelrechter "Babyboom" statt: Allein im Vorschulalter gab es mehrere Kindergruppen mit jeweils 6 – 8 Kindern. Der Aufstand gegen die Kleinfamilie drohte unter der Last ihrer zu versorgenden Kinder und der zu kurz gekommenen Bedürfnisse der Erwachsenen zu scheitern. Doch die Dynamik der Mitwirkenden ließ nicht nach, im Gegenteil: Ein gigantisches Wohnprojekt wurde begonnen, das "Castello", mit Großküche, riesigen Essräumen und einem Turm. Man kaufte neue Grundstücke an, pflanzte Bäume, errichtete einen Reitstall und einen Badesee. Um den Friedrichshof wurde eine Mauer gezogen. Die anfänglich egalitäre Gruppe spaltete sich in eine mit Verantwortung überhäufte Aristokratie und in die unteren Ränge, in denen es eher locker zuging. Die Abendgestaltung blieb immer die gleiche: Zeichnen, danach Selbstdarstellung und Tanz, anschließend BAGs.

Otto Muehl wurde im Juni 1985 sechzig Jahre alt, und sein Geburtstag wurde mit einem großen Fest gefeiert. Mit seiner Erfahrung und seinem Charisma blieb er unangefochtener Häuptling der Großkommune. Er mischte sich zwar nicht mehr in die Details ein, doch keine größere Weichenstellung erfolgte ohne seine Zustimmung. Sein Alltag war noch stärker geregelt als der der anderen. Beim Aufstehen wurde er bereits mit Problemen konfrontiert, und das zog sich hin bis zum Abend: Kinderpalaver, Mittagessen leiten, Empfang der Gruppenurlauber, Verkäufertrainings, Zeichenkurse, Nachmittagsunterricht mit den Schülern, öffentliche Märchenstunde für die Kinder, dann SD Abend und große Runde im 1.BAG. Zwischendurch malte er, ging in die Siebdruckwerkstätte und machte Fahrradtouren im Pulk der KommunardInnen. Seine Kommunikationsfähigkeit war seit den Anfangstagen die gleiche geblieben.

1986 heiratete Otto Claudia. Die plötzliche Selbstlegitimation einer Ehe an der Spitze stiftete in der Gruppe einige Verwirrung.

1987 – 1989 el cabrito

Der Kommune ging es mehr und mehr um die Erwirtschaftung größerer Profite, denn die Verwirklichung ihres aktionistischen Gesellschaftsentwurfes. Dennoch blieb der frühere Anspruch eines sozialutopischen Modells erhalten. Nachdem man Anfang 1986 auf der kanarischen Insel Gomera eine verlassene Bucht entdeckt hatte und kurz danach einige Mütter vor den Folgen der Tschernobyl–Katastrophe auf die Insel geflüchtet waren, wurde das Projekt näher ins Auge gefasst: "El Cabrito", eine ehemalige Landwirtschafts–Finca, die nicht mehr bewirtschaftet wurde. Aus den Firmenüberschüssen wurde die Bucht samt großem Landanteil angekauft. Auf ihr sollte das "Paradies des Südens" verwirklicht werden. Die Kommune zog um.

Diese neue utopische Phase erfolgte bereits unter dem Donnerknall der bevorstehenden Konfrontationen zwischen den verschiedenen Machtgruppierungen. Nicht alle waren mit dem Ankauf einverstanden. Doch der Jubel um das Abenteuer übertönte die Gegenstimmen. 1987 wurde "El Cabrito" zum Kinder–, Ferien– und Altersdomizil der Gruppe ausgebaut. Die Kommune wurde zu einem wichtigen Arbeitgeber auf der kleinen Insel, was den Argwohn der überwiegend katholischen Bevölkerung gegenüber der freien Liebe etwas minderte.

Die ersten Anzeichen des kommenden Untergangs zeichneten sowohl in der vermehrten Auszugswelle als auch der drohenden Verfolgung Otto Muehls durch die österreichischen Behörden ab. Nach dem Erscheinen zweier Artikel im Spiegel und im Stern, initiiert von ehemaligen Mitgliedern, die sich zur Aufgabe gesetzt hatten, ihn als Leiter zu stürzen, begannen die ersten Erhebungen in der "Strafsache Otto Mühl" wegen Beischlafs mit Unmündigen. Antreiber des Verfahrens war ein früheres Kommunemitglied in Zusammenarbeit mit einem protestantischen Sektenpfarrer. Muehl selbst rechtfertigte den "Initiationsakt" als pädagogische Maßnahme zur Integration der pubertierenden Mädchen in die freie Sexualität.

Um die Spannungen innerhalb der Gruppe in den Griff zu kriegen, inszenierte Otto Muehl ein Strukturspektakel, ironisch "Glasnost" genannt, in dem nicht auf der Linie befindliche Führungsmitglieder abgesetzt wurden, wodurch sich aber der Groll vieler gegen seinen Führungsstil nur noch verstärkte. In den Stadtgruppen schwand immer mehr die Bereitschaft, die Einschränkungen der eigenen Lebensführung zugunsten der zunehmend kostspieligen Projekte am Friedrichshof und in Gomera in Kauf zu nehmen.

In "El Cabrito", das bald von gut hundert KommunardInnen bewohnt und bewirtschaftet wurde, fanden derweil große Feste statt. Auf dem kommuneeigenen Transportschiff "Attila", benannt nach Muehls zu dieser Zeit geborenem Sohn, wurden ganze Ladungen von einheimischen Gästen nach "El Cabrito" gebracht, die nicht nur mit einer riesigen Festtafel, sondern auch mit gigantischen Malhappenings überrascht wurden. Muehl und der ihn umgebende "Adel" repräsentierten den kapitalistischen Erfolg der Kommune und nahmen die Devotionen der Gomerianer ob der vielen neu geschaffenen Arbeitsplätze entgegen.

Es herrschte ein vom Chef sanktioniertes "Matriarchat". In der ersten Riege der Kommune gab es kaum noch Männer. Claudia Muehl hatte seit der Heirat ihre Rolle als erste Frau gefestigt. Das "Herrenhaus" beherbergte die Führung, die "Bananenhalle" wurde zum Massenquartier für urlaubende KommunardInnen, deren materielle Ansprüche inzwischen gestiegen waren und dementsprechend auch die Kritik an den improvisierten Umständen, unter denen hauptsächlich "untere Mütter" mit ihren Kindern zu leiden hatten. Der Widerstand innerhalb der Gruppe wurde vor allem von neu entstandenen Paaren getragen, die sich untereinander über Missstände innerhalb der Gruppe austauschten und sich so zu einer neu erlebten Form der Unabhängigkeit von der Führung zusammenfanden.

Eine neu angefachte interne Demokratiebewegung betrieb 1989 die Abschaffung der Struktur, der Otto Muehl, unter dem Druck der Angriffe von außen, unwillig nachgab. Die Vorbehalte gegen Gleichberechtigung und Gewaltenteilung blieben. Als er einige Monate später wieder versuchte, die Struktur einzuführen, war seine Position jedoch bereits so geschwächt, dass er an den Widerständen, auch von jugendlichen Mitgliedern, scheiterte.

Hausdurchsuchungen am Friedrichshof, Beschlagnahmung von Archivmaterial, die vehemente Bedrohung durch die Staatsanwaltschaft, veränderte die stark auf seinen Leitungsstil zentrierte Dynamik der Gruppe. Die jahrelange Begeisterung begann in Kritik umzuschlagen. Der Schlussstein war ins Wackeln gekommen, das Gewölbe bekam Risse. Der Besuch von prominenten Künstlern, Kuratoren, Politikern konnte über den Wertezerfall innerhalb der Kommune nicht hinwegtäuschen. Viele sehnten sich wieder nach den traditionellen gesellschaftlichen Rollen: Vaterrolle, Mutterrolle, Berufsrolle, Geld verdienen und eine Familie gründen.

Der Höhepunkt des über die Kommune hinwegfegenden kapitalistischen Sturmes, der den Nachfolgeorganisationen eine riesige Finka auf den Kanaren, eine Wohnsiedlung im Burgenland und eine bedeutende Kunstsammlung hinterlassen sollte, war erreicht. Diskussionen über das Vermögenskonzept führten zur Gründung eines "Kooperationsrates", der unabhängig von der gewählten Führung die zukünftigen ökonomischen Belange bestimmen sollte. Ein Vertrag mit allen Mitgliedern ermöglichte, dass jeder zu gleichen Teilen an den Vermögenswerten der Gemeinschaft beteiligt sein sollte.

Otto Muehl entwickelte in der Zeit neue Methoden in der Malerei ("Sandwichbilder"), zeichnete, schrieb, drehte Spielfilme, erfand Märchen, griff die Idee der Gerümpelskulptur wieder auf, bemalte Kleiderstoffe für KommunardInnen, gab in Anwesenheit der ihm bereits schmollenden Mitglieder grollende Geräuschkonzerte und machte weiterhin mit den Gruppenurlaubern aus den Stadtkommunen Malkurse und Wanderungen über die gomerianischen Berge. Im Sommer 1989 verließ er auf Anraten seiner Anwälte "El Cabrito" und kehrte nach Österreich zurück.

1990 revolution

Das Scheitern des Experiments war komplementär zu seinem vorangegangenen Erfolgserlebnis. Es erfolgte eine Revolution und Implosion des gesamten Systems. Die wirtschaftlichen Ressourcen begannen unter der Flut von Auszugsgeldern (an jeden Ausziehenden und auch frühere Mitglieder wurde eine Summe von etwa 30.000.– DM ausgezahlt), sowie einer Austrittswelle von Großverdienern zu schmelzen. Dennoch waren die Jahre 1988 bis 1990 –parallel zur allgemeinen Hochkonjunktur– die der höchsten Einnahmen, die die Kommune jemals hatte. Die Aktien–, Versicherungs– und Finanzierungsmärkte, an denen die StadtkommunardInnen ihr Geld verdienten, boomten und mit ihnen der Erfolg einiger Starverkäufer, die immer mehr Mitspracherecht bei den wichtigen Entscheidungen beanspruchten. Ihr erstes Veto fiel bei der Planung eines neuen architektonischen Großprojektes am Friedrichshof, dem Wohndorf "Castrum", mit dem Otto Muehl ein letztes Mal seine Macht als oberste Gestaltungsinstanz durchzusetzen versuchte. Die Idee wurde nicht verwirklicht. Von nun ab bestimmte in allen wichtigen Belangen der "Kooperationsrat". Eine öffentliche Diskussion über die Vermögenswerte beendete die bis jetzt hierarchisch geführte Verwaltung des Gemeinschaftseigentums.

Im April 1990 fand die erste öffentliche Generalversammlung der "Kooperation" statt, bei der in geheimer Abstimmung ein neuer Leiter für alle wirtschaftlichen und politischen Belange gewählt wurde. Otto Muehl hatte sich auf Grund der Vorerhebungen gegen ihn nicht mehr aufstellen lassen. Die ökonomische Dominanz hatte nun endgültig über die künstlerisch/pädagogische gesiegt. Zwei Genossenschaften verwalteten die Vermögenswerte, insbesondere den Immobilienbesitz am Friedrichshof und in Gomera, wie auch die Kunstsammlung. Eine Unzahl von Ausschüssen tagte. Unausgesprochen herrschte die Ansicht mancher Wirtschaftsleute, auf Grund der ständig wachsenden Kosten das Gemeinschaftseigentum in Privateigentum zu verwandeln.

Mitte des Jahres folgten die "Revolution" und der "Vatermord". In einer "Bürgerrevolte" wurden Otto Muehl und nahezu die gesamte Führungsschicht abgesetzt und durch einen Genossenschaftsvorstand ersetzt. Dass sich mit diesem Schritt kurze Zeit später gleich das ganze Experiment auflösen sollte, kam selbst für die Initiatoren des Aufstandes, dem auch mehrere Exkommunarden angehörten, überraschend. In "Vergangenheitspalavern" rechnete man mit der "alten Führung" ab. Um eine Einigung zwischen den Beteiligten herbeizuführen, wurden Wirtschafts– und Kunstexperten eingeladen, doch diese Versuche scheiterten und waren zugleich die letzten gemeinsamen Selbstdarstellungsabende.

Im August wurde eine neue Generalversammlung abgehalten, die zum Teil sehr emotionell ablief, und bei der die Kommune per Beschluss aufgelöst wurde. Wesentlichste Entscheidung war die Einführung des Privateigentums und die Überführung des Gemeinschaftseigentums in offizielle Strukturen. In einem bis dahin in Österreich beispielslosem Verfahren musste nun die Vaterschaft für viele Kinder geklärt werden. Auftretende Härtefälle sollten von einer kommuneeigenen Stiftung aufgefangen werden. Kurze Zeit danach wurden auch die Stadtgruppen als feste Verbände aufgelöst.

Auf dem Friedrichshof unternahm Otto Muehl den Versuch, in der "B–Familie" zumindest einen Teil der Kommuneidee vor dem Untergang zu retten. Mehrere Mitglieder der damaligen "B– Familie" bilden noch heute den Kern seiner Gruppe in Portugal. Im Juni 1991 wurde er verhaftet und wegen Beischlafs mit Minderjährigen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ein Großteil der KommunardInnen verließ den Friedrichshof. Dem Drängen vieler ehemaliger Mitglieder, "El Cabrito" zu verkaufen, konnte nur durch Intervention prominenter Persönlichkeiten aus der Kunstszene erfolgreich begegnet werden.

Der letzte große Versuch eines sozialutopischen Gesamtkunstwerkes, das alle Ebenen gesellschaftlicher Strukturen in sich enthalten sollte, war, zufällig oder nicht, parallel zu den kommunistischen Staatsideologien zusammengebrochen. Die bürgerliche Gesellschaft konnte zufrieden aufatmen. Für die Mitbeteiligten stellten sich danach eine Menge Fragen: Kann die Dekonstruktion bürgerlicher Werte ohne gleichzeitige kritische intellektuelle Reflexion funktionieren? Wäre es nicht besser gewesen, das Experiment auf eine kleine Gruppe beschränkt zu lassen und nicht in einen Eroberungsrausch zu verfallen, der alle Beteiligten, vor allem die Kinder überforderte?

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine zwanzig Jahre gelebte soziale Skulptur, in der das Verhältnis des Menschen zu Sexualität, Eigentum, Erziehung und Kultur in eine neue Wirklichkeit gesetzt wurde, eine Art "Land Verkehrtherum", in dem die Komplexität der psychischen Befindlichkeit nicht nur voyeuristisch sondern in direkter Erfahrung gelebt wurde. Eine kollektive Reise in die Urzeit und wieder zurück. Der Abgrund, der sich nach dem Ende für viele aufgetan hat, entsprach in seiner Intensität dem vorangegangenen Begeisterungsjubel.

Heute wird der Friedrichshof von der "FH Genossenschaft" als alternative Wohnsiedlung geführt, mit vorwiegend nachkommunardischen Bewohnern und dem Betrieb eines Seminarhotels und eines Landgasthauses. "El Cabrito" entwickelte sich zu einem exklusiven Urlaubsort für ein ökologisch anspruchsvolles Klientel. Otto Muehl lebt seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis mit mehreren ehemaligen Mitgliedern und Kindern nahe bei Faro in Südportugal und führt das Kommune–Experiment in kleinem Rahmen fort.

-----------------------------------------------
© karl iro goldblat, 2003

biographie

Karl Iro Goldblat

Geb. 1948 in Wien

1968 – 72: Akademie für angewandte Kunst in Wien

1972 – 90: Beteiligung am Kommuneexperiment Friedrichshof. Therapeut und Pädagoge, Gruppenleiter in verschiedenen europäischen Stadtkommunen. Videoperformances, Malaktionen und Filme.

Seit 1992:  Maler und Schriftsteller, lebt seit 1995 in Wien




-----------------------------------------------
  • [1] aus dem ausstellungskatalog

  • otto muehl leben/kunst/werkotto muehl leben / kunst / werk
    aktion utopie malerei 1960 – 2004
    peter noever
    verlag walther könig köln 2004