auswahl deutscher originaltexte zu dem in französisch erschienenen buch
![]() | otto muehl lettres à erika 1960 – 1970 tagebuch des aktionismus édition les presses du réel dijon 2004 |
von maud benayoun in zusammenarbeit mit violaine roussies [1]
die erweiterte familie, wie wir sie verstehen, bietet ein besseres leben, als man es zu zweit erreichen könnte.
ende der 50er jahre leitete ich als assistent einen malkurs an der künstlerische
volkshochschule in wien, dabei lernte ich erika stocker kennen.
es entwickelte sich eine langjährige beziehung.
als sie die angebotene stelle des goethe–institutes, in triest deutsch–italienisch
zu unterrichten, annahm (sie hatte das dolmetschstudium italienisch–französisch
gerade abgeschlossen), entstand der hier veröffentlichte intensive briefwechsel,
der heute nicht ganz erloschen ist, jedoch die vulkanischen zeiten sind vorbei.
die "briefe an erika" spiegeln nicht nur meine fixierung an sie, sondern
auch die wichtigsten jahre meiner kreativen entwicklung.
beinahe tag für tag dokumentierte ich den weg zum aktionismus:
TASCHISMUS – BILDER MIT MATERIAL:
ölfarbe, gips, talk, zement, leinwand, stoffreste, inhalt des abfallkübels,
zigarettenstummel –
DESTRUKTION DES TAFELBILDES:
die aufgerissene leinwand wickelte ich um die hölzer des gebrochenen keilrahmens.
am nächsten tag sah ich auf der strasse ein stück stacheldraht liegen.
ich hob ihn auf, band damit die bruchstücke noch stärker zusammen.
der stacheldraht wirkte wie eine dornenkrone. das bild war zum märtyrer geworden.
aufgewühlt durch solche gedanken schüttete ich rote farbe auf das objekt.
die destruktion des tafelbildes war mein urknall, meine geburt als künstler
und aktionist.
GERÜMPELSKULPTUR:
es entstand eine serie von skulpturen mit neu hinzugefügten materialien (draht,
holzstücke, objekte aus holz, eisen, blech..).
die materialien wurden zerschlagen, ihrer ursprünglichen verwendung entzogen
und dadurch zu bausteinen der skulptur.
MATERIALAKTION:
ein lebender mensch wird als körper dem material gegenübergestellt.
das material wurde weich (mehl, eier, brot, semmeln, milch, tomaten, käse,
salz, zuckerwürfel, marmelade, kleister, pulverfarbe, malerton, bettfedern,
semmelbrösel, kartoffel, weizenkörner, reis, rote beete, verschiedene
fruchtsäfte, seifenschaum....)
die malerei geschieht auf der fläche, die skulptur greift in den raum, die
material–aktion ist noch immer ein ereignis im kunstraum.
DIRECT–ART:
von der gestaltung im kunstraum (material–aktionismus) kam ich zur lebensgestaltung
(direct–art).
Die aktionistische lebenspraxis hat die psychischen und physischen bedürfnisse
des menschen zum inhalt.
"KUNST UND REVOLUTION":
aktion 1968 im hörsaal 1 der universität wien.
war für mich ein wendepunkt für meine weitere entwicklung. die primitive
niederträchtige reaktion die mir in österreich entgegenschlug, verwandelte
mich, den staatsgläubigen, idealistischen, braven mittelschulprofessor für
deutsch und geschichte, akademie der bildenden künste absolvent, in ein revolutionäres,
boshaftes eckel.
linke studenten luden mich ein, eine aktion in der universität durchzuführen.
ich lud günther brus ein, peter weibel, oswald wiener, den verfasser von
"die verbesserung von mitteleuropa" (rowohlt verlag), franz kaltenbäck,
student der philosophie und einige architekturstudenten der technischen hochschule.
nitsch war leider zu dieser zeit nicht in wien.
jeder von uns hatte sein eigenes programm entwickelt, das teilweise sich übeschneidend
ein simultanes turbulentes geschehen ergab, wie es wien noch nie gesehen hatte.
es war ein echtes "theater der grausamkeit".
es war eine orgie, die keine war.
das publikum tobte, protestierte, schrie beifall, einige spielten verrückt,
rannten aus dem saal, schrien unsinnige parolen.
anstatt uns ins burgtheater einzuladen, wurden wir, günther brus, ossi wiener
und ich als die haupträdelsführer verhaftet und saßen 2 monate
in untersuchungshaft.
diese aktion wäre heute, zeit des stumpfen rechtsradikalismus, nicht durchführbar,
aber damals im windschatten der 68er studenten–revolution, gab es mehr freiheit
für die kunst.
der staat war durch den terror radikaler studenten eingeschüchtert.
simultane aktionen:
1. brus war nackt. während des absingens der österreichischen bundeshymne, versetzte sich brus am gesamten körper mehrere schnitte mit einer rasierklinge, wodurch ein muster entstand, rotes blut und weiße haut. rot–weiß–rot. dann schiss er sich auf die rechte hand und schmierte sich damit ein.
in der verhandlung, als der staatsanwalt lächelnd sagte: "herr brus! ich bin ein bewunderer ihrer kunst, aber wie schaffen sie es, daß sie immer zur rechten zeit kacken können?" lachten die geschworenen laut auf.
2. ossi wiener hielt einen vortrag über computertechnik. er war computer–verkäufer bei olivetti. er stand vor der tafel des hörsaales, wandte den publikum den rücken zu und schrieb ununterbrochen formeln auf die tafel.
vor gericht sagte er: er wäre so vertieft in seinem vortrag über computer gewesen, daß er alles, was hinter seinem rücken geschah, nicht bemerkte. ossi wiener verwandelte sich für die richter in den intelligentesten, fortschrittlichsten österreicher, denn damals war das computer–wissen in österreich noch eine geheimwissenschaft.
sie erstarrten förmlich vor respekt, sprachen mit ihm in voller hochachtung: "herr wiener hin..., herr wiener her..." obwohl sie sich bei brus unverschämt gehen lassen konnten. vermutlich weil brus sich blutig geschnitten, angekackt und außerdem noch die bundeshymne gesungen hatte, bekam er den niedersten IQ zugesprochen. er schien ihnen nicht ganz zurechnungsfähig.
das macht doch schließlich kein intelligenter mensch, oder?
brus hatte außerdem noch eine bedingte strafe ausständig.
im betrunkenen zustand, bei einer rauferei schlug er einem polizisten die tellerkappe vom kopf.
diese bedingte strafe wurde jetzt durch die neue strafe lebendig. brus hätte also noch 6 monate sitzen müssen. brus war auf den nerven fertig. er hatte glück, man ließ ihn irrtümlich laufen. brus flüchtete schon am nächsten tag nach deutschland, blieb einige jahre dort, man ließ ihn nach 9 jahren mit einer geldstrafe heimkehren.
viele künstler aus der gesamten welt empörten sich, setzten sich für brus ein, schrieben briefe an österreichische ministerien, ohne erfolg.
3. peter weibel hielt einen vortrag über den finanzminister prof. koren.
dieser hatte eine verkrüppelte hand, und gerade auf diese verkrüppelte hand hatte es weibel abgesehen. er trug einen asbesthandschuh und schüttete spiritus darauf, nur hatte er pech:
einige tropfen spiritus gerieten zwischen haut und gibsverband. der handschuh fing feuer. weibel schrie vor schmerz auf. das feuer wurde in einem bereit stehenden wasserkübel gelöscht.
2 jahre danach, 1970, veröffentlicht peter weibel mit valy export das standardwerk "wien", bildkompendium wiener aktionismus (kohlkunstverlag). er wurde als pornograph verurteilt. das buch wird heute als "schwarzbuch" und standardwerk des aktionismus bezeichnet, und ist vergriffen.
4. franz kaltenbäck, damals noch student der philosophie, hielt einen vortrag über das verhältnis von information und sprache.
5. otto muehl führte folgende aktionen durch:
5.1. REDE–AKTION: in einer wilden übertriebenen rede griff ich robert kennedy an, der gerade erschossen worden war. zum schluß des textes rief ich ekstatisch aus: "schießt doch endlich auch die jackie nieder!"
richter und geschworene empörten sich darüber, sie waren zu einfältig, um diese humoristische provokation zu verstehen, oder sie taten nur so. als ich dem richter entgegnete "ich bin ja schließlich kein politiker, ich habe überhaupt keinen haß gehabt gegen kennedy, aber das gejeier in der kronenzeitung wäre mir sehr auf die nerven gegangen." als ich erwähnte, daß der ulysses von James joyce in amerika als pornographie lange verboten war, brüllte der richter: "hören sie auf mit ihrem komischen reden!" als er noch hinzufügte, daß robert kennedy vor kurzer zeit österreichische richter zu einem offiziellen besuch eingeladen hatte, er wäre so ein netter mensch gewesen, er könnte nicht begreifen, was ich gegen ihn hätte, obwohl ich ihn gar nicht kennen würde, da sagte ich nichts mehr.
5.2. PISSWETTBEWERB
direct–art–gruppe:
wir waren alle nackt. jeder stellte sich einzeln auf den großen tisch des hörsaal 1, krähte wie ein hahn und versuchte soweit zu pinkeln als er konnte. einer von ihnen maß die weite mit einem massband und schrieb das ergebnis auf die tafel, darauf stand geschrieben: "wer kann weiter".
anastas krähte zwar, konnte nicht pinkeln, versuchte es immer wieder. wildes boshaftes gelächter des publikums. er wurde religiert.
5.3. ONANIE MIT BIERFLASCHE:
direct–art–turngruppe: bierflasche wurden so lange zwischen die beinen geschüttelt bis das bier aus den flaschen schäumte und spritzte.
wegen dieser "exzesse" wurde gegen die studenten der technischen hochschule studiumverbot ausgesprochen.
so streng waren damals die gebräuche.
5.4. AKTION MIT EINEM MASOCHISTEN: er entwarf die aktion selbst. er las eigene pornographische gedichte und wollte mit einem lederriemen geschlagen werden.
diese aktion rief besonders bei einigen universitätsprofessoren entsetzen und empörungen hervor. ein professor der urgeschichte, bei dem ich vor 16 jahren die lehramtsprüfung abgelegt hatte, lief entsetzt aus dem saal, tränen in den augen und schrie "diese schande! ich ertrage es nicht länger!". ein anderer professor der geographie sah blut spritzen, was natürlich nicht der fall war.
nach der uniaktion saßen die aktionisten 2 monate im gefängnis.
ich bekam noch einen nachschlag als verwaltungsstrafe: 14 tage arrest wegen störung
an einem öffentlichen ort. (gemeint war der hörsaal 1)
und noch einen zweiten nachschlag: mein kelleratelier in der perinetgasse, die
urzelle des aktionismus, wurde wegen angeblicher rattenverseuchung zwangsgeräumt:
gerümpelskulpturen, ölbilder, bilder aus der akademiezeit landeten auf
der müllhalde. als ich aus dem gefängnis entlassen wurde, hatte ich
weder geld, noch ein auto um den keller zu räumen und auch keinen platz,
wo ich alles hätte lagern können.
ich habe gerümpelskulpturen der burgenländischen landesregierung als
schenkung angeboten, sie lehnten dankend ab. ich weiß nicht, ob sie wissen,
daß ihnen ein vermögen entgangen ist.
der unterrichtsminister rief in einer studentenversammlung "ich schäme
mich, ein österreicher zu sein".
ich war damals noch nicht soweit, aber heute nach 40 Jahren aktionismus, nach
meinem prozeß in eisenstadt, nach meiner 7 jährigen haft, bin ich auch
soweit: "ich schäme mich ein österreicher zu sein!"
die österreichische presse provozierte schamlos die niedrigsten instinkte
zur steigerung ihrer auflage.
die justiz hielt uns für debile außenseiter und ließ uns psychiatrieren.
kultur ist für die österreicher das, was dem fremdenverkehr dient.
nicht–kultur sind die leeren hotelbetten.
was machen die damaligen uniferkel heute:
uniferkel oswald wiener ist universitätsprofessor in der bundesrepublik deutschland;
er war der intelligenteste von uns, gerichtlich festgestellt.
uniferkel peter weibel ist überhaupt das erfolgreichste aller uniferkel.
er ist künstlerischer leiter der neuen galerie im joanneum in graz, künstlerischer
leiter der ars electronica in linz, professor für visuelle mediengestaltung
an der hochschule für angewandte kunst in wien, und künstlerischer leiter
des instituts für neue medien in frankfurt;
uniferkel franz kaltenbäck ist in paris direktor des berühmten lacan
institutes;
uniferkel günther brus ist als staatspreisträger, für die justiz
tabu und nicht greifbar.
hermann nitsch hatte glück, er war nicht dabei. er saß wegen seiner
aktionen mit mir zusammen hinter gittern. er ist akademie–professor in frankfurt
und staatspreisträger.
nur ein ferkel blieb unverbesserlich, der uneinsichtig weiterferkelte: das ferkel
muß er haben, da rastet er nicht, da gibt es kein langes besinnen, den gotischen
zierat ergreift nun der wicht und klettert von zinnen zu zinnen. nun ist es um
das arme österreich getan, es ruckt sich von schnörkel zu schnörkel
hinan, langbeinigen spinnen vergleichbar.
da häkelts, jetzt ist es um die mutter teresa geschehen, ein eiserner zacken
versetzt sie in wehen. die glocke sie schlägt ein mächtiges eins und
unten zerschellt das gerippe.
dieses ferkel heißt otto muehl.
seither kommen in seinen bildern öfters ferkel als kultfigur vor.
später bei meinem prozeß in den 90er jahren beglich die justiz eine
alte rechnung gegen den aktionismus und gegen die utopie des zusammenlebens.
das aktionistische kommuneexperiment mit gemeinschaftseigentum und freier sexualität
existierte 20 jahre, von 1970–1990.
bis 1980 umfasste die zahl der mitwirkenden 700. bei der auflösung waren
noch 350 "aktionisten" tätig. sie haben mich langsam hinausaktioniert.
sie kamen als wilde revolutionäre an und wurden resozialisiert. wo bleibt
die auszeichnung für mich! es ist noch keiner institution des staates gelungen,
randalierende im unterholz zu veredeln.
für jeden österreicher blieb der aktionismus bis heute unverständlich.
das gesellschaftprojekt friedrichshof blieb nicht nur unverständlich, sondern
wurde von vornherein als eine kriminelle vereinigung, als terroristenlager, als
bordell gesehen.
der eisenstädter staatsanwalt 1991: "der friedrichshof war wie ein KZ".
die richterin: "die eisenstädter haftanstalt ist dagegen eine milde
anstalt"
über viele jahre wurden wir von der staatspolizei observiert, da es ihnen
verdächtig vorkam, daß die deutschen, holländischen, norwegischen,
schweizerischen und französischen, uns angeschlossenen gruppen, regelmäßig
am friedrichshof bildungsurlaube absolvierten. sie schrieben alle autonummern
auf und in ihren hirnen tobten perverse phantasien.
eines tages stürmte die terroristen bekämpfungstruppe kobra plötzlich
die wohnung in der praterstraße in wien. wir wurden hände hoch an die
wand gestellt, die leute waren sehr nervös. es war eine verbrecher jagd à
la hollywood–krimi.
der aktionismus wäre nicht möglich gewesen ohne sigmund freud und
wilhelm reich.
wilhelm reich inspirierte mich zur gründung der kommune. ich meine nicht
das spätwerk, sondern die charakteranalyse.
ein satz beeindruckte mich besonders: "die familie ist die brutstätte
aller geisteskrankheiten" und ich setze fort "und der staat und die
kirche sind die brutstätte aller kriegerischen gewalttaten und verbrechen".
kunst und psychoanalyse schaffen zwar bewußtsein, sensibilisierung, bringen
ein neues weltbild, aber keine lösung privater probleme.
auch die radikalisierung der kunst, die sich bis zum aktionismus steigerte, schafft
nicht den sprung in die wirklichkeit.
das gleiche gilt auch für politische aktionen der studentenbewegung.
die umwälzung muß in dir selber stattfinden.
nicht die revolution aussen, sondern die selbst–revolution zählt.
versuche in einer erweiterten familie zu leben, das ist deine revolution. sie
katapultiert dich ins 21ste jahrhundert.
vor der kunstgestaltung steht die gestaltung des eigenen lebens, das leben
als kunstwerk.
der künstler des 21sten jahrhunderts ist nicht revolutionär, hippie,
bohemien, kein verrückter aussenseiter. er ist lebensgestalter. er führt
keine ehe zu zweit, er ist kein single, er lebt mit gleichgesinnten freunden/innen
in einer erweiterten familiären–gemeinschaft, die in der anzahl der
mitglieder beschränkt ist, damit die direkte kommunikation noch möglich
ist und nichts von einer zentrale verordnet werden muss, ohne zwischenschaltung
von beamten. man braucht dann keine geschriebenen gesetzte, gebote und verbote,
du brauchst keine richter, keine beamten, keine polizei, keine ämter, keine
henker, keine gefängnisse.
wir wissen inzwischen, daß die kriminalität ein erziehungsprodukt ist,
ebenso neurosen, geistes– und auch gewisse körperliche krankheiten.
wir glauben sogar zu wissen woran es liegt: eine zweierbeziehung ist eine ungünstige
konstellation kinder aufwachsen zu lassen, aber auch die zentrale organisation
des staates ist ungeeignet von oben alles zu verordnen um die bedürfnisse
der menschen zu erfüllen.
in den briefen gibt es textstellen, wo ich aus einer augenblicklichen situation heraus über freunde ungehalten bin, mich negativ ausdrücke. ich wollte diese äusserungen weggelassen, aber es würde die stimmung von damals entscheidend fälschen.
diese negativen äusserungen kamen aus meiner angespannten situation, an der ich selber schuld war. ich ersuche den leser, solche äusserungen nicht allzu ernst zu nehmen.
otto muehl 2003
Liebes Schatzi!
Montag, 1. 5. 1961
Mir rinnt der Schweiss von der Stirne, so verrückt malte ich und Du armes Medi sitzt noch immer im Zug, aber ich hoffe, Du hast interessante Begleitung, sodass Dir ein wenig die Zeit vergeht. Bevor ich von der Malerei zu reden beginne, will ich Dir noch einige Schmeicheleien sagen, nämlich dass Du mein liebes Medi bist, an das ich viel denke, dass ich furchtbar verehre, zu dem ich aufschaue (weil ich ja nur ein mieser Knabe bin), auf das ich so stolz bin (weil es so g'scheit ist, weil es so schön ist), weil es eben das Medi ist und dieses Medi gibt's halt nur einmal auf der Welt (ist das nicht eine sonderbare, ja wunderbare Sache?). Darum ist das Medi so kostbar für mich. Aber nun Schluss mit dem Sichgehenlassen und zur Malerei, denn was ich für's Medi fühle, wie begeistert ich von ihm bin, das weiss es ja ohnehin.
In der Malerei bin ich nun einen Schritt weitergegangen (sie gibt mir ungeheure Befriedigung, nur dadurch halte ich die Trennung vom Medi aus). Bin nun vollkommen kalligraphisch geworden (wie Mathieu es sagt). Das heisst, ich habe das Bewusstsein ausgeschaltet und bin nun ganz im Bild (Pollock), und auf einmal geht es auf wunderbare Weise.
Habe heute einen grossen Sprung nach vorwärts gemacht. Ich lasse den Pinsel mit Intensität springen und gleiten, ohne an Komposition zu denken. Bin so in Extase und war überrascht zu bemerken, dass ich dabei wie ein Wilder kleine Schreie ausstiess, als würde ich mich beim Tanzen sehr schnell bewegen, das klang wie: hua - hua - hui - hui. Ich war so in der Malerei drin, dass ich unbewusst das Richtige tat. Es entstehen Gliederungen, die ich durch Formspekulation nicht erfinden könnte. Derweil breitet sich das Strichgefüge über das ganze Bild aus, ich sehe es kommen, dass ich von hier aus zu einer bewussteren Gestaltung vordringen werde, doch will ich mich zu nichts zwingen, denn wenn man seine Quelle zu früh verlässt, wird man sozusagen noch nicht reif, sofort von Vorbildern abhängig und seinem Selbst entzogen. Ich will nun tief unten im Schacht bleiben, um mich selbst brodeln zu hören, mein Selbst kennenzulernen und zu spüren.
Auch Dir, Medi, würde ich raten, schalte das Bewusstsein aus und beobachte einmal, was wird, wenn der Pinsel bloss unbewusst über die Fläche tanzt, daraus könntest Du für später sicher einige Erfahrung sammeln. Male jedoch nicht mit dem Aquarellpinsel, die Striche werden zu schwammig, nimm einen dünnen Borstenpinsel. Mache Dir Aquarellfarbe in Dosen ab. Kaufe Dir Gummi Arabicum, man bekommt ihn in jeder Drogerie, löse ihn in Wasser und mache Dir damit Staubfarbe ab. Mache die Farbe so flüssig, wie Aquarellfarbe vermalt wird. Es geht ausgezeichnet damit. Habe heute mit solcher Farbe auf Packpapier, das ich auf den Boden legte, gemalt. Habe viele Aquarelle auf diese Weise gemacht, es sind einige sehr gute darunter, die sonderbarerweise ausgesprochen komponiert aussehen.
Nachdem Du heute weg warst, ging ich zur Tröstung gleich in die Cezanne-Ausstellung. Ich vermisste Dich sehr. Cezanne hat nichts Neues zu bieten. Ich getraue mich zu sagen, Du hast nichts versäumt. Die einzige Anregung, die ich von ihm empfing, wäre die, dass ich auf folgende Weise ein Bild tektonisch wie er bauen könnte. Da ist ein Bild, eine Landschaft, die ungefähr so aussieht.
Man könnte solche Bilder daraus machen, die einer seltsamen Schrift ähnlich sehen.
2. mai 1961
Habe heute vormittag wieder gemalt, und nun kann ich sagen, ich hab`s geschafft.
So ähnlich schaut nun meine Malerei aus. Du musst Dir dies nur mit Farben vorstellen, die sich teils überlagern, vermischen und durchdringen. Der Pinselzug wird dabei von mir nicht kontrolliert, die Hand bewegt sich vollkommen automatistisch:
Das Bewusstsein hat auf die Ausführung des Striches keinen Einfluss, ähnlich wie beim Schreiben, also auf die Ausführung der Buchstaben, wohl aber drückt es sich im Sinn des Satzes aus und auch dort nicht vollkommen.
Ich male also so wie ich schreibe:
Es ist mir klar, das dies der tiefste Ansatzpunkt für die Malerei ist. Aber ich bin froh, diesen Punkt erreicht zu haben, denn von diesem Punkt aus kann ich alle Probleme aufrollen, die ich nur will. Von dort aus kann ich langsam in alles hineinwachsen. Das Mittel (der Buchstabe des Bildes) ist also vollkommen amorph verwendet. Würde ich dem Mittel gleich eine bestimmte Form geben, so würde ich gleich unter fremden Einfluss kommen. So habe ich die Möglichkeit, es allmählich bestimmter zu machen, auf meine Art.
Liebes Medi, ich drücke Dich fest an mein Herz,
Bussi, Dein Otto.
Samstag, 24. 3. 62
Liebes Medi!
Es ist schon spät in der Nacht, habe bis jetzt gemalt. Ich kämpfe sehr verbissen. Will mit der Malerei den Anschluss an meine Plastiken gewinnen. Das ist nicht so leicht. Ich arbeite zweigleisig. Auf Papier nur mit schwarzer Farbe ohne Weiss und auf Molino mit schwarz, weiss und anderen Farben. Ich glaube, dass ich heute mit einer Graphik und einem Bild an meine Plastiken herangekommen bin. Das Durch-das-Bildrutschen habe ich schon aufgegeben. Man könnte es vielleicht bei Beginn des Bildes einsetzen. Beginne die Bilder mit dünner Farbe. Ich arbeite langsam einem Höhepunkt entgegen. Zuerst wird nur gepritschelt, geschwemmt, gepinselt, mit der Hand gewischt. Es entwickelt sich ein Beziehungssystem, tendiert in eine gewisse Richtung, schliesslich kommt es zur Entscheidung, es muss etwas passieren und dann gehe ich los mit vollem Einsatz, ich reisse alles nieder, wie ein Wolf. Es ist dann, als ob ich eine Hacke in der Hand hätte. Ich fahre unters farbige Gesindel und bestimme, diktiere und zeige, wer eigentlich der Herr im Hause ist. Gelingt dieser Eingriff nicht, dann ist alles vorbei. Ich kann das Bild wegwerfen.
Du gehst mir sehr ab. Denke sehr viel an Dich. Wäre schön, wenn Du da wärest. Mir kommt es vor, als hätte ich Dich schon sehr lange nicht gesehen. Das Briefeschreiben nützt halt nichts.
Sonntag, 25. 3. 62
Eben habe ich gefrühstückt, und nun beginnt der Tag. Hatte dabei das Radio eingeschaltet und hörte Sonntagspredigten. Sie unterscheiden sich in ihrem Unsinn nicht von den Schlagersendungen. Man kann nur sagen: Reklame für Gott. Man spürt: eine degenerierte Religion, und die Pfarrer bemühen sich, sie unter allen Umständen aktuell zu machen, da wird es immer sehr peinlich. Einer sagte, die Liebe Gottes ist nicht für die Gerechten und Heiligen da, sondern für die Sünder, gäbe es nur Gerechte u. Heilige, wäre seine Liebe nicht notwendig. Und da schon seine Liebe von Anbeginn da ist, ganz egal, ob wir würdig oder unwürdig sind, ist es unsere Schuldigkeit, ihn wieder zu lieben. Wir dürfen nicht undankbar sein.
Habe das gestern gemachte Bild wieder übermalt. Es ist zum Teufel holen. Die Graphik von gestern ist ganz gut, die lasse ich. Habe heute noch eine Graphik gemacht (ich mache sie alle in der Grösse 50 x 70 cm). Eben hörte ich Musik von Hindemith: Marienleben Worte von Rilke. Die Musik ist ein vollkommener Scheissdreck. Bevor die Musik begann, wurde eine Tagebucheintragung von Hindemith verlesen. Darin schreibt er über die 1. Aufführung des Marienlebens. Der Erfolg des Stückes und der Beifall, den es fand, zeigt ihm die grosse Verantwortung, die der Musiker habe und er wolle sein Schaffen in diese Hinrichtung weitertreiben (Dieses Schwein!), vermutlich, um noch mehr Idioten mit seinem Schleim zu befriedigen.
Hiernach hat er das Stück für grosses Orchester umgeschrieben, alles nur aus Verantwortung! Habe mich oben verschrieben, ich meinte Richtung, nicht Hinrichtung, doch dies passt ohnehin besser für ihn. Jetzt höre ich gerade die 6. von Bruckner: Das ist ein anderer Bursche.
Ich möchte in der Malerei dasselbe wie in der Plastik herauskriegen. Es gelingt nur schwer. Einerseits will ich Dynamik, eine starke rhythmische Bewegung, ich verwechsle sie manchmal mit dem Wild-Hineinschlagen, dann die vollkommmene Bearbeitung der Fläche, die totale Zerstörung des Pinselstriches mit der Farbe. Diese zweite Tendenz neigt zum Statischen, Monochromen, Amorphen. Zwischen beiden Tendenzen habe ich noch keinen Ausgleich gefunden. Aber ich werde noch hinkommen. Werde jetzt essen, es ist schon mittags, habe mir gestern ein Wurzelfleisch gemacht.
War nachmittags im Keller.
Hier meine neue Plastik im Keller, sie geht über einige Meter. Im Vordergrund siehst Du einen Stahlhelm liegen, den ich etwas angetepscht habe. Die Plastik heisst: Ich hatt' einen Kameraden. Ich weiss nicht, was das ist. Beim Arbeiten an den Plastiken bin ich viel lockerer, beim Malen viel verkrampfter. Bin noch nicht auf der richtigen Spur.
Montag, 26. 3. 62
Habe gestern den ganzen Tag bis spät in die Nacht gearbeitet. Zum Schluss gelang mir überhaupt nichts mehr, war geradezu verzweifelt. Habe heute wieder gearbeitet, nun funktioniert die Sache wieder. Zum Schluss wusste ich gar nicht mehr, was ich machen sollte. Alles war leer. Es fehlte der Antrieb, aber auch die Idee, vor allem die Idee. Die Idee ist eine wichtige Sache, entweder kommt sie während der Arbeit, nachdem man ins Luftblaue begonnen hat, oder man hat sie von vornherein. Ich meine damit aber nicht, dass sie sklavisch beibehalten wird. Sagen wir, der grobe Nenner ist bekannt. Ich muss schon am Anfang wissen, ob ich statisch oder dynamisch arbeite, ich bin für's Dynamische.
Ob ich mit geraden, eckigen Formen oder mit wilden Kurven arbeite, ich bin für die Kurven, ob ich rein graphisch nur vom Strich ausgehe oder ob ich auch Malerisches miteinbeziehe, ich bin auch für die Einbeziehung des Malerischen, ob ich überlegend, langsam male oder spontan ins Zeug gehe, ich bin fürs Spontane, Impulsive. Da hast Du mein malerisches Glaubensbekenntnis.
Beim Arbeiten habe ich plastische Vorstellungen, zum Beispiel einen dicken Balken, an den ich Draht hänge. Der Balken ist eine dicke Linie, der Draht feines Gekritzel. Dann gibt es Räder, die ich demoliere = deformierte Kreise, da gibt es Speichen, die abspringen unter Hammerschlägen, brechen, absplittern, sich sträuben, verknäulen usw.
Dienstag, 27. 3. 62
Du siehst aus meinem gestrigen Schreiben, ich bringe in die Malerei eine Art Realität hinein. Die steckt ja schliesslich in jeder Malerei, deutlicher oder undeutlicher. Der Künstler hat sich schon immer der Realität bedient, um mit ihr nicht die Realität, sondern ganz etwas anderes auszudrücken.
Man denke an Van Gogh oder an die Künstler des Mittelalters. Es ging nicht darum, Figuren darzustellen, sie waren Symbol für eine geistige Sicht des Menschen. Heute benützt man nicht mehr das Erscheinungsbild des Menschen, die Landschaft, oder andere Gegenstände, sondern eher deren Strukturen. Es kann zum Beispiel die zerklüftete Rinde eines Baumstammes, wucherndes Gras, die Bewegung des Wassers bei Sturm, das Geäder in der Mauer oder auch das Ergebnis des Verfalles, das wir in der Natur überall sehen, Ausgang, Anregung für die Gestaltung sein. Dies wäre sozusagen der optische Anteil des Bildes.
Die Mittel für diese Darstellung sind die Linie, der Punkt, die Fläche in ihren verschiedenen Erscheingsformen (weich, malerisch verschwimmend, hart, eckig, rund, zerfranst, ausgelaugt).
Ich habe hier verschiedene Erscheinungsformen des Mittels aufgezeichnet. Du siehst, das hat bereits ein Kandinsky geleistet. Die Formen in diesem Bild sind nicht frei von gegenständlichen Assoziationen, obgleich ich dies nicht beabsichtigte, diese Formen erinnern an primitive Lebewesen, Algen, Mikroben, Einzeller usw. Mir geht es nun darum, die Bedeutungsträchtigkeit der Mittel für die Gestaltung zu benützen. Ich will schäumendes, tobendes Wasser darstellen, aber nicht, indem ich abbilde, sondern die Mittel auf dem Bild toben, schäumen, stürzen, peitschen, fluten, kochen, springen lasse und meine damit mehr als unruhiges Wasser, das Ergebnis ist vieldeutig, nicht in Worte zu kleiden, das kann viel bedeuten: Leidenschaft, Revolution, Untergang, Katastrophe, Chaos, Jüngstes Gericht, Wut. Also nochmals kurz gesagt: Zwei Pole sind vorhanden.
Der Künstler bedient sich durch die künstlerischen Mittel der optischen Erscheinungsformen unserer Welt (er verwertet alles Sichtbare), um unbewusste Inhalte in ihm auszudrücken.
Somit sehe ich zum Beispiel auch meine Plastiken sehr gegenständlich. Ich betreibe eine Katastrophenkunst, ich stelle das Demolierte, das Verfallene, Niedergeschlagene, Zerschossene, Explodierte, Vernichtete, Verwüstete, Aus- den- Fugen- Geratene dar. Ich verarbeite darinnen vermutlich die Erlebnisse des Krieges. Wenn man meine Kunst unbedingt positiv sehen will, so könnte man sagen: Ich warne vor dem Abgrund, der uns allen droht.
Bin eben über zwei vortags gemalte Bilder gegangen. Sie sind nun fertig. Finde mich immer mehr, werde freier. Das kostet einen Kampf. Habe die Bilder mit Synmalon gemalt. Aquarelle oder Tuschezeichnungen, also alles Flüssige gelingt mir nicht. Werde aber auch das noch angehen. Möchte mich in allen Medien ausdrücken, das müsste doch gehen, sobald ich meinen Mittelpunkt in der Hand habe.
Nun liebes Medi, schicke ich den Brief ab, damit Du was zum Lesi
hast. Tu mir bald schreibi. Tu Dich fest drucki.
Dein Otto
und viele Bussi.
Am besten ist es, wenn man beim Arbeiten nicht denken braucht, wenn man ganz drinnen ist und alles ganz selbstverständlich ist. Dann braucht man auch keine Theorien. So ist es mir bei den letzten Bildern ergangen.
13. 1. 63
Liebes Samty
Dein Briafi hot mi sehr traurig g'macht. Weil ich nicht bei Dir sein kann. Du host so liab gschriebi, dass ich am liebsten gleich Dir nachgefahren wäre.
Habe die letzten Tage drei Bilder gemacht, die sich gewaschen haben. Mit dem Zeichnen und normalen Malen höre ich nun auf, ich habe das Gefühl, was ich da leiste, ist doch nur alter Kas. Das 1. Bild, das ich machte, machte ich mit einem grossen Fetzen (Molino). Zuerst wollte ich darauf an der Wand malen, schliesslich riss ich es herunter, zerbeulte und zerknüllte es,und legte es auf eine Holzfaserplatte. Nun schaut das Ganze wie eine Gedärmverwicklung aus.
Das ist das gewesene Bild. Das zweite Bild ist noch wilder. Darinnen befinden sich: Ein Fetzen, eine ganze Bierflasche (aufgestellt), zwei Sardinendosen, eine Streichholzschachtel, ein Tintenglas, ein Deckel von einer Dose, ein Stück Brot, Asche und Zigarettenstummeln von der vergangenen Woche. Als Bindemittel nahm ich Sand, Kalk, Gips und Dispersion. Die Bierflasche klebte ich mit Dispersion an. Das 3. Bild besteht aus (es schaut wie ein Abfallhaufen aus) Fetzen, meinen alten Filzpatschen, Papier, Nylonsackerln und sonstigem Unflat.
Diese 3 Bilder sind wieder auf der Höhe der Spiegel und der Blutorgelplastik. Ich muss einsehen, für mich gibt es mehr kein zurück. Mit dem Zeichnen und dem Bildermachen ist es endgültig aus. Ich kann, wenn ich zeichne, höchstens einen einzigen Strich oder einen Punkt machen, oder, wenn ich male, einmal hinhauen und fertig. Mir gibt dies jedoch zu wenig.
Als nächstes plane ich Bilder, auf die ich alle meine Maldosen und Häfen picke. Das wird so aussehen.
Dann ein Bild mit lauter Flaschen oder mit Büchern: Goethe, Grillparzer, Schiller. Ich könnte ein Bild nennen: Goethes Gesammelte Werke.
Ich werde eine Plastik machen, die ausser Blech und Schrott hauptsächlich aus lauter Flaschen besteht.
Ich merke, ich kann nur dann eine gute Sache machen, wenn sie zur Wirklichkeit einen Bezug hat. Was jeder Einzelne als Wirklichkeit betrachtet, ist verschieden. Jeder muss seinen Bezug zur Wirklichkeit finden. In früheren Zeiten nahm man den Menschen, die Landschaft als Wirklichkeit, indem man sie abmalte. Mein Wirklichkeitsbezug ist anderer Art.
Eben habe ich an einem Theaterstück geschrieben. Das Stück beginnt mit Musik, mehrere Tonbänder spielen verschiedene Dinge durcheinander.
Zwei oder drei Filmapparate projizieren 3 Filme übereinander.
Nun werden die Schauspieler hereingetragen. Sobald einer abgestellt ist, beginnt er zu sprechen, ununterbrochen wie ein Automat.
1. Schauspieler: Die Tuchent
Er sieht so aus. Er hat zwei Tuchenten umgebunden.
Er spricht über das Schlafen, Schnarchen, Träumen usw.
2. Der Tisch:
Er spricht über das Essen, Trinken, über das Auf-den-Tisch-schlagen. Tischgebete: Komm, Herr Jesus, sei unser Gast usw.
3. Das Buch:
spricht über den Buchhandel usw.
4. Die Flasche spricht über das Saufen.
5. Der Kasten spricht über Kleider, Mottenpulver.
6. Die Uhr sagt immer tick-tack.
Alle sprechen durcheinander.
Sobald die Schauspieler hereingetragen werden, hört Musik und Film auf. Zum Schluss jedoch geht alles durcheinander: Sprechen, Musik, Film.
Habe eine tolle Idee für Bilder.
Werde mir aus Glas eine Schachtel bauen. Werde sie aus Fensterglas zusammenpicken mit einem Glaskleber.
Dann kaufe ich mir Gedärme, verschiedene Innereien. Dies geb' ich gemischt mit anderen Gegenständen in den Glasbehälter, natürlich ziemlich durcheinander gewirbelt, und dann schliesse ich den Behälter zu (luftdicht). Das Bild wird dann ausgestellt. Was sagst Du dazu?
Weiters möcht' ich ein Bild mit vielen Uhren machen, dazwischen Zement und Gerümpel.
Ich werde in ein bekanntes Uhrengeschäft gehen und dort meine Idee erzählen. Bei der Ausstellung würde ich den Namen des Geschäftes nennen, das wäre eine Reklame für das Geschäft.
Die eingebauten Uhren im Bild würden verschiedene Zeiten angeben und in der Ausstellung würde alle 5 oder 10 Minuten eine Uhr läuten oder alle gleichzeitig auf einmal.
Du siehst, bei mir hat bereits der Frühling begonnen. Übrigens die Uhrenidee ist eine ähnliche wie die Spiegelidee.
mb: wie definieren sie aktionismus und wie sind sie dazu gekommen?
om: die entwicklung zum aktionisten begann mit der zerstörung des tafelbildes 1961.
ich fühlte mich durch den bildrahmen eingeengt.
ich zerschnitt die leinwand, die keilrahmen zerbrachen unter meinen fußtritten, ich umwickelte diese mit der zerfetzten leinwand. ich blickte auf das armselige überbleibsel des bildes:
aus der bildfläche war ein räumliches gebilde, eine skulptur entstanden.
ich erzeugte danach, die gestaltungsmethode variierend und einschränkend, gebilde, die kräftige, durchlöcherte reliefs ergaben, indem ich das bild nicht ganz auslöschte.
die totale umsetzung zur skulptur geschah erst dann, als ich neue materialien hinzufügte:
blech, draht, schläuche, kabel, ofenröhren, töpfe, fässer aus blech, eine jalousie mit vielen lamellen aus holz, ein fahrrad.
mit einer hacke zerschlug ich, vor ihrer verwendung, objekte wie töpfe, fässer aus blech. ich wollte keine verherrlichung der weggeworfenen objekte und produzierte die bauelemente für die DESTRUKTIVE MATERIAL - COLLAGE, die ich GERÜMPELSKULPTUR nannte.
ich gab ihnen namen wie "laokoon", "kreuzigung", "dorftrottel", "dornauszieher", "akademie schillerplatz", "schwarzer frühling".
bereits im gleichen jahr 1961 stellte ich die gebilde in der galerie junge generation in wien aus.
als ich den menschlichen körper zum mittelpunkt der materialcollage machte, verwendete ich jetzt als material nahrungsmittel: milch, öl, himbeersaft, marmelade, honig, hühnereier, mehl, teig usw... aber auch künstliche, aus plastik naturgetreu abgebildete insekten wie bienen oder fliegen, und später auch texte, bücher (zb in der penisaktion ), fotos. oder eine truhe, die als sarg diente, unten lag das modell als mumie, durch die seitenwand ragte ein kopf mit durchsichtigem kleister übergossen.
materialaktion ist eine collage zwischen material und körper.
die materialaktion als öffentliche vorführung begleitete mich 10 jahre lang.
die erste aktion sollte 1963 beim "fest des psychophysischen naturalismus" zur uraufführung kommen:
ich hatte eine materialaktion mit dem titel "versumpfung einer venus" geplant.
das modell sollte, nackt in einer badewanne liegend, langsam unter kirschen begraben werden.
auf der straße vor dem perinetkeller-atelier sollte eine küchenkredenz, gefüllt mit geschirr und verschiedenen flüssigkeiten, suppen und saucen, aus dem 4. stock eines hauses herabgestürzt werden.
dort wohnte eine alte frau, mit dem namen kafka (omen est nomen). ich fragte sie, ob ich aus ihrer wohnung die küchenkredenz in die perinetgasse hinunterstürzen dürfte. sie war einverstanden.
beide aktionen wurden vom polizei-hauptmann des 20sten wiener gemeinde-bezirks verhindert. ich hörte den polizei-kommandanten rufen: "KELLER RÄUMEN!" und die polizisten stürmten die stiegen des kellers hinunter, trieben die besucher hinaus. damit war das spiel beendet.
abends saßen wir dann in meinem atelier, obere augartenstraße 14a, zusammen, als plötzlich die polizei klopfte. es gab mordalarm. einer hörte, wie nachts ein größeres objekt, vermutlich eine leiche, in den donaukanal geworfen wurde. nitsch war geständig, er hätte das lamm, vom fleischhauer tot gekauft, nach der abgebrochenen aktion in den donaukanal geworfen.
nitsch und ich machten zum ersten mal bekanntschaft mit dem gefängnis:
wir saßen zwei wochen.
meine verhinderte materialaktion "versumpfung einer venus" holte ich im herbst des selben jahres 1963 in meiner wohnung obere augartenstraße nach, mit dem titel "versumpfung eines weiblichen körpers - versumpfung einer venus", ohne badewanne, ohne kirschen, stattdessen schlamm, suppen, kleister, schwarze farbe und abfall.
in portugal, im herbst 2002, gestaltete ich im electric painting film "bagdad tales" eine neue fassung der versumpfung eines weiblichen körpers in einer badewanne durch. statt kirschen verwendete ich weintrauben.
dort, wo marcel duchamp aufhörte, beginnt die MATERIAL - AKTION.
mb: wie verläuft eine materialaktion ?
om: ein menschlicher körper liegt auf dem tisch, um ihn herum liegen orangen, zitronen, steht eine vase mit blumen, eine flasche mit himbeersaft gefüllt, eine schüssel voll kirschen, eier, ein paket milch.
säfte, öl, milch, himbeersaft, suppen werden auf den körper geschüttet, kaffee, kakao, blumen gestreut, kirschen zerquetscht, schokoladen kreme darüber geschmiert, flüssige farben gespritzt und geschüttet, pastoses material wie dicke farbe, oder ein topf voll teig, der auch eingefärbt sein kann, wird gepatzt, oder bewegt sich als kurvige girlande über den körper. die figur wird in farbstaub gewälzt, mit warmem wasser abgewaschen.
die aktion wird solange fortgesetzt, bis das material erschöpft ist.
materialaktion ist prozeßgestaltung.
ununterbrochen entwickeln sich bilder durch foto und film dokumentiert.
ich wollte den entstehungsprozess einer gerümpelskulptur dokumentieren. leider blieb der film unbelichtet, der geniale filmer hatte vergessen, den verschluss vom objektiv zu nehmen. (es war eine alte 8mm film-kamera)
violaine fotographierte mich für den electric painting film fast ununterbrochen bei meiner haifisch malerei.
da zeigte sich, bis ich das entgültige bild gefunden hatte, dass es viele versuche gab, die wert gewesen wären, aufgehoben zu werden.
jeder künstler sucht die entgültige fassung und die fassung, die er stehen lässt, muß nicht unbedingt die beste sein.
in den electric painting filmen wird ganz bewußt jede stufe der gestaltung gespeichert, damit wird der prozeß der gestaltung sichtbar gemacht.
das leben selbst, von geburt bis zum tod, zeigt sich als prozeßgestaltung.
aktionismus ist eine kunstrichtung.
im österreichischen parlament wird der begriff aktionismus als vorwurf verwendet, will man die worte eines abgeordneten als fantasie-geplapper ohne realität abwerten.
peter weibel prägte den begriff "wiener aktionismus" im "bildkompendium wiener aktionismus" im kohlkunstverlag, frankfurt/m. 1970.
![]() | otto muehl la scène des profondeurs interview maud benayoun französisch – deutsche ausgabe verlag bookstorming paris 2006 |
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