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RÜCKKEHR DER VERDRÄNGUNG

Dass ich heute hier vor ihnen stehe – was mir eine große Freude ist – verdanke ich der Einladung von Peter Noever, der mich bat, einige Gedanken zu präsentieren, und ich danke ihm herzlich für dieses Zeichen seiner Wertschätzung, das mich sehr ehrt. Zweifellos verdanke ich diese Einladung zwei Ausstellungen, die ich im Louvre kuratiert habe und in denen mehrere Werke von Otto Muehl gezeigt wurden: Besitzen und Zerstören (2000), über westliche Sexualität, und Malerei als Verbrechen (2001/02), über westliche Vernunft.

Diese beiden Ausstellungen, einander sehr ähnlich und doch sehr unterschiedlich, waren als kritische, freudianische und post-freudianische Anthropologie der westlichen Bildersprache konzipiert: Unzufriedenheit in der (visuellen) Kultur. In beiden Fällen fiel Muehl eine entscheidende Aufgabe zu – den Abschluss zu bilden. Und die ikonoklastische Kraft seiner Bilder, Filme und Fotografien, ihre Verhöhnung ästhetischer Traditionen, musste überraschen: Es war ein schwerer Schock für die Besucher des Louvre.

In Frankreich kam es also zu aggressiven Reaktionen. Aber nicht zur Hysterie. Nichts im Vergleich zu österreich, wo wir die Heftigkeit der Ablehnung kaum fassen können. Otto Muehl scheint weiterhin als Sündenbock einer ganzen Nation zu dienen, als willkommenes Ventil für eine pharisäerhafte, ja puritanische Moral – jene Moral, die er mit Freud und Reich unablässig schmähte und die in diesen traurigen Zeiten moralischer Ordnung wie ein Bumerang zurückkehrt (als Rückkehr der Verdrängung) ...

Für Außenstehende ist dieses Phänomen vollkommen unverständlich. In Frankreich (und anderen Ländern) gilt nach uralter Tradition der erste April als Tag der dichterischen Freiheit, an dem man fröhlich die wildesten Gerüchte verbreitet. Ich weiß noch, dass vor vier Jahren ein österreichischer Fernsehsender die Ankündigung, dass Muehl im Louvre ausgestellt würde, für einen Aprilscherz hielt. Es war, so sagte man mir, als ob der Teufel leibhaftig ins Paradies eingegangen wäre – ein Handlanger Satans im Garten Eden. Warum auch nicht? Aber über diese seltsame Benommenheit wurde das Wesentliche vergessen: Otto Muehl ist ein bedeutender Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts.

Und genau darum geht es in dieser Ausstellung. Im Mittelpunkt steht nicht der Mensch, der seine Schuld längst bezahlt hat, und teuer bezahlt. Im Mittelpunkt steht das, was bestehen bleibt: seine Bilder. Es ist noch zu früh, um die Erfahrung der Kommune zu beurteilen, ein Thema, bei dem die Emotionen noch immer hochgehen. Aber es ist nicht zu spät – ganz im Gegenteil – für eine Bewertung von Muehls Werk, das uns Bewunderung abnötigt: sein fruchtbares, eindringliches und vielgestaltiges Schaffen, bisher noch weitgehend unerforscht.

Denn wer kennt Muehl wirklich? Niemand – fast niemand. Nur der Name ist bekannt, Skandale haben ihn bekannt gemacht. Aber darüber hinaus? Nichts: Unkenntnis und Vergessen. Für die Allgemeinheit – selbst für die wenigen Wissenden – reduziert sich Muehl auf die Widrigkeiten seines Lebenslaufes, auf Anklage, Gefängnis, Exil – wie in einem schlechten Roman. Wie entsteht bloß solch ein Paradox: Der Mythos (und was für ein Mythos: ein verstoßener Künstler) überschattet alles andere. Otto Muehl ist berüchtigt, doch sein Werk ist unbekannt.

Das MAK zeigt hier einige bedeutende Filme aus der Zeit des Aktionismus. (Ich selbst habe auch einige im Louvre gezeigt.) Sie mögen problematisch sein, aufgrund der gezeigten Gewalt und Pornographie. Aber in ihrer Gesamtheit sind sie eine Offenbarung. Dies sind mehr als einzigartige Dokumente über die Aktionen, die sogenannten Materialaktionen. Dies sind die Aktionen selbst, oder vielmehr das, was von ihnen geblieben ist, Bilder, Echos, Spuren. Denn die Spur macht das Werk aus, in dieser Kunst des Lebens. Heute haben wir keine Spuren mehr. Oder noch nicht.

Muehl wird oft als geistiger Vater des Aktionismus bezeichnet. Aber was wissen wir schon von seinen Aktionen? Sehr, sehr wenig. In den sechziger Jahren führte er Dutzende Aktionen durch, hauptsächlich in Wien, später in Deutschland. Wer erinnert sich heute noch daran? Dabei ist alles fotografisch festgehalten. Tausende Negative warten im Archiv des Künstlers nur darauf, gedruckt, veröffentlicht, erforscht zu werden. Gewiss wird dies Zeit und Geld erfordern. Aber erst dann – und nur dann – werden wir Muehls Werk erfassen können. Und das wird zweifellos eine weitere Offenbarung ...

Das belegen eindrucksvoll jene Bilddokumente, die sich bereits an den Wänden des MAK (und davor des Louvre) finden, wie der außergewöhnliche Aktionsfilm Bodybuilding: Muehl ist ein Meister der Symbolik – ein Bühnenmaler des Unbewussten. Wie kein anderer vermag er die sexuellen Fantasien der alten westlichen Welt in den Raum zu projizieren, die grausamen Riten einer patriarchalischen Gesellschaft, die Liebe nur als Besitz, also Zerstörung, versteht.

Seine Malerei ist sicherlich besser bekannt. Denn wir haben überall Beispiele gesehen. Aber das waren kaum mehr als Bruchstücke. Nun ist die Begeisterung des Künstlers unermüdlich. Und sein überreiches Schaffen umfasst alle Genres, von Satire bis Obszönität – von Politik bis Pornographie (wenn das nicht ein und dasselbe ist). Solch eine Ausstellung ist kein Abschluss. Keine Apotheose. Sondern das Gegenteil: ein Anfang. Ein Entdecken ...

Diese Ausstellung stellt die Krönung einer ganzen Reihe von Wiener Würdigungen an den Aktionismus dar. Die Albertina hat kürzlich eine Ausstellung Günter Brus gewidmet. Und das MUMOK hat eben die Friedrichshof-Sammlung erworben. Jetzt zeigt das MAK Otto Muehl: Das ist der logische Abschluss eines langen Prozesses der Anerkennung, zu Dank verpflichtet der entschlossenen Pionierarbeit von Hubert Klocker, der aus Leidenschaft eine kritische Auseinandersetzung formte. Wir hoffen von Herzen, dass dieser Prozess sich fortsetzt. Und ausbreitet.

Und wir erwarten, dass die Archive des MUMOK, unter der Leitung von Eva Badura-Triska und Hubert Klocker, zum Ausgangspunkt eines zukünftigen Zentrums (oder Museums) des Aktionismus werden, welches sicherlich eines Tages geschaffen werden muss, auch wenn die Kombination der beiden Begriffe, Aktionismus und Museum, ein Widerspruch in sich ist. So viel Lärm gab es um den Aktionismus, dass Generationen von Künstlern gar nichts mehr von ihm wissen wollen: Sie stellen sich taub, blind und stumm, wenn er zur Sprache kommt. Viele Kritiker tun es ihnen gleich. Die besten Abhandlungen zur Körperkunst, die aus Amerika kommen, schweigen sich zum Aktionismus aus. Das ist der Preis des Skandals: eine andere Form der Zensur. Es ist höchste Zeit, nicht weniger, sondern besser vom Aktionismus zu sprechen. In Konzepten, nicht in Gerüchten.

Denn es gibt so viel zu sagen – so vieles, das wir nicht wissen – über österreich in den sechziger Jahren, sodass noch immer alles zu tun bleibt. Wir warten begierig auf eine neue Art von Ausstellungen, die geschickt mit Film, Fotografien und anderem Material umgehen, die nicht versiegen und die unsere überlieferten Anschauungen durchrütteln. Durch solche Veranstaltungen kann österreich wieder seinen Beitrag zur Entstehung der so genannten Gegenwartskunst leisten. Ein fluchbeladener Beitrag, wie Bataille meint. Aber ein wichtiger Beitrag, einer der wichtigsten.

Heute sind wir daher Zeugen eines gewissermaßen historischen Ereignisses: Muehls Rückkehr nach österreich, in die grausame Heimat, die niemals aufgehört hat, ihn zu hassen, und alles getan hat, um ihn zu brechen. Dazu braucht es, wie wir an den Sicherheitsmaßnahmen um uns unschwer erkennen, viel Mut und überzeugung. Wir sollten daher Peter Noever und seinem Team die Anerkennung zuteil werden lassen, die sie verdienen. Sie wissen ohne Zweifel um die Gefahren dieser Wiedererweckung. Aber sie wissen auch, wie dringend notwendig sie ist.

Denn diese Rückkehr zu den Ursprüngen ist bedeutungsschwer. Muehls Persona scheint sinnbildlich wie nie zuvor: Er verkörpert alles, was den malthusianischen Idealen unserer rückschrittlichen Demokratien noch entgegensteht. Und dem Lärm und der Wut in einer von Schreien und Flüstern regierten Welt. Muehl ist eine Persönlichkeit der sechziger Jahre, und sogar, so sagt man, ein geistiger Vater (oder Sohn) des Mai 68: ein Meister des Subversiven.

Weit davon entfernt, sich wie so viele andere mit dem Zeitgeist zurückzuziehen, bleibt er den libertären Werten treu, die heute so geschmäht werden. Davon zeugen seine Interviews, in denen er unentwegt gegen alle Formen der Unterdrückung – ob sozialer, familiärer, sexueller oder anderer Natur – protestiert. Er, der so sehr ein Patriarch ist, ist ein verschworener Gegner der patriarchalischen Gesellschaft. Und darum kommt seiner, wenn auch metaphorischen, Rückkehr so große Bedeutung zu – darum stößt sie auch auf so vehemente Kritik: Muehl selbst ist die Verkörperung des Widerstandes.

Wir brauchen Otto Muehl. Denn wir müssen Widerstand leisten. Wir leben in einer finsteren Zeit. Allerorts sind unsere alten Freiheiten in Gefahr. In unseren alten Gesellschaften greift Ungleichheit um sich. Unsere alten Demokratien glauben nicht einmal mehr an ihre eigenen Werte, sind scheinbar gefangen in einem zitternden Rückzug auf die eigenen Angelegenheiten – und wir können nur hoffen, dass dieser Winterschlaf nicht schon die Grabeskälte ist.

Mag sein, dass österreich – leider! – den Weg gewiesen hat. Aber die gesamte westliche Welt ist ihrer selbst überdrüssig. Und ich bin alles andere als stolz darauf, Bürger eines Landes, Frankreichs, zu sein, in dem die Wähler in Scharen einer rechtsextremen Partei zulaufen, einer Partei des Hasses, des Rassismus und der Dummheit. Es ist uns daher ein dringendes Anliegen, eine moralische Pflicht, ein kategorischer Imperativ, Widerstand zu leisten. Widerstand ist, meine ich, ein vertrauter Begriff im heutigen österreich, so wie er es früher in Frankreich war. Diese Ausstellung zeugt davon: Dass wir Muehl ausstellen heißt, dass wir der Intoleranz Widerstand leisten. Dass wir zum Kern der Auseinandersetzung zurückzukehren. Auf dass die Beschränkten ... aufheulen.

Wir, die wir österreich lieben und immer geliebt haben, wissen nur zu wohl, dass seine Größe niemals in seiner (oft katastrophalen) Politik lag, sondern in seiner (oft grandiosen) Kultur. Es ist beeindruckend – und erfreulich – zu erleben, dass Wiener Museen mehr als alle anderen ein Hort der Unabhängigkeit sind, eine Hochburg des Widerstandes. Ich habe bereits einige erwähnt, die keineswegs zu den geringsten gehören. Das MAK natürlich, die Albertina, das MUMOK, sie alle verteidigen auf ihre Weise das Beste, was österreich an lebendiger Kunst hervorgebracht hat. Erlauben Sie mir, ein weiteres Beispiel zu nennen. Als Éric Alliez, ein berühmter französischer Denker, unter zweifelhaften Bedingungen, die an eine Hexenjagd erinnern, von der Académie des Beaux-Arts verwiesen wurde, war es das Leopold Museum (und Romana Schuler), das seine Lehre gastfreundlich aufnahm: ein deutliches Zeichen von aufgeklärter Vernunft ...

Diese Strategie der Andersartigkeit zieht natürlich Druck und Probleme nach sich – das ist der ständige Konflikt zwischen Kunst und Politik. Wir alle bedauern zutiefst, dass einer der ganz Großen in der österreichischen Museumsszene, in der österreichischen Kultur überhaupt, Peter Weibel, in Graz sein anerkanntes Talent, das er mit dem Sacher-Masoch-Festival letztes Jahr blendend bewies, nicht mehr ausleben darf. Dennoch, in einer Welt, in der Museen nichts weiter als bürokratische Rädchen eines kulturellen Disneylands sind – Wrackteile des Staates – haben österreichische Museen noch etwas zu sagen, sehr viel sogar, was gegen den Strich der öffentlichen Meinung geht, immer mit Blick auf die Demagogen in Medien und Politik. Hier wird Kunst zur Politik – zu wahrer Politik: einer Politik der Symptome ...

Wer hat Angst vor Otto Muehl? Wir sagen immer: Er ist ein Provokateur. Aber Provokation ist nichts weiter als ein Ausdruck geprägt von Idioten für Schwachsinnige. Sie bedeutet immer nur den Umsturz der Norm. Und die Norm ist das neue Idol: das heilige Prinzip eines neuen Obskurantismus. Wir sind bereits so normverliebt, also so gehemmt, dass uns alles als Provokation erscheint. Traurige Tropen. Wo der Moralismus siegt.

Wie sind wir nur solche Sittenrichter geworden? Wir alle sollten uns diese Realität vor Augen führen: Eine Performance von Aktionisten wäre heutzutage auf jeden Fall verboten. Ich spreche nicht von den letzten Aktionen von Muehl oder Brus, in Köln und München 1970, die beinahe unerträglich waren. Sondern von anderen, sagen wir weniger ... provokanten Aktionen, um den Begriff ironisch zu gebrauchen. Wer würde diesen Aktionen heute ein Forum bieten? Kein einziges Museum. Keine einzige Galerie. Hermann Nitsch kann ein Lied davon singen. Pornografie, ja Pädophilie, so lautete der allgemeine Aufschrei. Wir halten uns für liberal. Wir sind nichts als Puritaner, die Künstler für Provokateure halten.

Muehl (und seine Genossen) erforschten nur zu früh, also vor allen anderen, und zu weit, also besser als die anderen, einen geheimnisvollen Kontinent, der weitgehend unerforscht bleibt: den Körper. Sie waren von nichts Befreienderem besessen als der gewaltsamen und verächtlichen Inszenierung dessen, was wir mit einem christlichen Wort als Passion des westlichen Körpers bezeichnen können: Tabu, Verdrängung, Leiden. Aber wir können diesen gemarterten Körper, unseren eigenen Körper, nicht sehen, wie er ist. Noch immer sind wir unfähig, die körperliche Botschaft – die radikale Botschaft – der Aktionisten anzunehmen. Nicht Muehl ist der Teufel – wir sind es, die Engel sein wollen. Aber gefallene Engel. Die sich wie Tiere gebärden ...

Moralischer Fortschritt? Oder kultureller Rückschritt? Darum (und auch für alles andere) danke ich nochmals Peter Noever, dass er Otto Muehl nach Wien zurückgebracht hat. Auf gewisse Weise hat Muehl Wien nie verlassen ...